Bremen.
Mit Radar sind sie kaum auszumachen. Dank weitgehend automatisierter Bord-
und Waffensysteme reicht eine nur 58-köpfige Crew aus, um die Korvetten
zu steuern. Der Typ K130 gilt als innovatives, flexibel einsetzbares ightech-Kriegsschiff,
wie gemacht für Kriseneinsätze der Deutschen Marine. Ausgerechnet
Mängel an der konventionellen Schiffstechnik werfen das vor acht Jahren
begonnene Vorzeigeprojekt jedoch immer wieder zurück. Wegen eines
Getriebeschadens wurden jetzt alle fünf Neubauten in die Werft zurückgerufen
und vorübergehend stillgelegt.
Auf der „Oldenburg“, viertes
Schiff der sogenannten „Braunschweig“-Klasse, waren bei einer Testfahrt
lockere Schrauben in die Zahnräder des Getriebes gefallen und hatten
einen kapitalen Schaden
angerichtet. Werftkonstrukteure und Inspektoren der Marine stellten bei
der Ursachenforschung
nicht etwa den vermuteten
einmaligen Defekt fest, sondern ein viel gravierenderes Problem: Die vom
Schweizer Unternehmen
MAAG gelieferten Getriebe
taugen offenbar nicht für die neuen Korvetten. „Es gibt anscheinend
konstruktive Fehler“, bestätigte ein Sprecher der Marine gegenüber
unserer
Zeitung. Dem Hersteller
wurde zunächst eine Frist bis zum 12. Juni gesetzt, um eine Lösung
zu finden.
Bremer Werft
im Konsortium dabei
„Das ist schon ärgerlich“,
sagt Friedrich Lürßen, Chef der gleichnamigen Bremer Werftengruppe.
Die Lürssen Werft gehört zu der Arbeitsgemeinschaft (Arge K130),
die den 1,2-Milliarden-Auftrag zum Bau der Korvetten
erhalten hatte – außerdem
sind die beiden ThyssenKrupp-Werften Blohm&Voss (Hamburg) und Nordseewerke
(Emden) beteiligt. Laut Vertrag sollten die „Braunschweig“ und ihre vier
Schwesterschiffe zwischen
Mai 2007 und Februar 2009
in Dienst gestellt werden. Pünktlich hatte Lürssen im September
2006 die „Magdeburg“ und ziemlich genau ein Jahr später als letztes
Schiff der Fünferserie auch die „Ludwigshafen am Rhein“ abgeliefert.
Doch
jetzt liegt die „Magdeburg“
schon seit Wochen an der Pier vor Lemwerder. „Wir |
| Zurück
in der Werft: Seit einigen Wochen liegt die Korvette „Magdeburg“ bei Lürssen
in Lemwerder. Aus einer Routineinspektion wird eine lange Zwangspause.
Nach einer technischen Panne auf einem Schwesterschiff muss das gesamte
Getriebe ausgebaut und ersetzt werden.
FOTO: FÖRSTER |
hatten
die Korvette zur Inspektion hier“, sagt Lürßen. Selbst das Buggeschütz
war für eine Wartung abmontiert worden. Reine Routine – bis die Hiobsbotschaft
mit dem Getriebeschaden eintraf. Seither sind alle fünf Schiffe stillgelegt
– in Bremen, Hamburg und Emden. Die MTU-Motoren
seien bereits für eine
längere Liegezeit konserviert worden, heißt es.
Fakt ist: Die tonnenschweren
Getriebe müssen komplett ausgebaut und ersetzt werden. Das kostet
einige Monate an Zeit und etliche Euro-Millionen. Auch für Lürssen
wird es teuer. Die Werft kann zwar nichts für den Getriebeschaden,
als Teil der Arge K130 aber ist sie mit in der Haftung: „Bei solchen Vorkommnissen
bleibt an jedem Beteiligten etwas hängen“, sagt der Firmenchef.
Ganze
Serie von Pannen
Die für weltweite Einsätze
konzipierten Marineschiffe, die 21 Tage autonom auf See operieren können,
sollten eigentlich längst die überstrapazierten Fregatten entlasten,
denkbar wäre ihr Einsatz bei der Anti-Piraten-Mission am Horn von
Afrika. Der Zeitplan von einst gilt allerdings schon lange nicht mehr,
das Renommierprojekt scheint von Pech verfolgt. Denn der peinliche Getriebeschaden
ist nicht |
die
erste Panne auf einem der je 240 Millionen Euro teuren Schiffe.
Bereits vor anderthalb
Jahren war die 89 Meter lange „Braunschweig“ bei einem Ausweichmanöver
mit dem Heck in die steinige
Böschung des Nord-Ostsee-Kanals geschrammt und hatte sich einen ihrer
zwei Ruderpropeller demoliert. Der Unfall wäre wohl vermeidbar gewesen,
hätte die Korvette
ein Bugstrahlruder gehabt.
Doch auf die auf jedem Handelsschiff zur Standardausrüstung gehörende
Manövrierhilfe hatte das Bundesverteidigungsministerium aus
Kostengründen verzichtet. Sie wurde nach dem Vorfall im Kanal nachgerüstet,
um ähnliche Havarien zu vermeiden. Dafür nahm das Wehrressort
dann sogar in Kauf, dass die ursprünglich gewünschte Spitzengeschwindigkeit
von 26 Knoten (47 km/h)
nicht mehr erreicht werden kann.
Unter der Überschrift
„Eilig in Deckung“ listete der „Spiegel“ im Januar 2008 eine ganze Reihe
weiterer Missgeschicke bei der Marine auf. Neben ungewollten Strandungen,
Rammstößen und Selbstbeschuss anderer |
Schiffe
ging es in dem Bericht auch um die erste neue Korvette. Eine Antriebswelle
sei kaputtgegangen, die Elektronik habe sich störanfällig gezeigt,
der Besatzung soll zudem durch hineinwabernden Abgasmief der beiden 10000
PS starken Dieselmotoren übel geworden sein. Der Werftenverbund habe
daher erheblich nachbessern müssen.
Mehr
als zwei Jahre Verspätung
Nun also die neue Panne,
deren Konsequenzen
derzeit nicht vollständig
absehbar sind. „Die Prüfung ist noch nicht abgeschlossen“, sagt der
Marinesprecher. Wenigstens eines der Schiffe will die Marine noch in diesem
Jahr wieder in Fahrt bringen. Nach Angaben von Friedrich Lürßen
könnte das durchaus die auf der Weser liegende „Magdeburg“ werden
– falls sie aus der Schweiz den ersten nachgelieferten Getriebesatz erhalten
sollte. Die anderen Korvetten,
von denen drei noch gar nicht in Dienst gestellt sind, würden bis
2011 folgen, heißt es. Also mehr als zwei Jahre verspätet. Ganz
zu Anfang hatte dieMarine sogar 15 Einheiten dieses vielgerühmten
Schiffstyps ordern wollen. Davon ist schon lange keine Rede mehr. |
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