Weser-Kurier - 28.05.2009
Dieser Artikel wurde uns mir freundlicher Genehmigung des Weser-Kurier / Bremer Nachrichten /Verdener Nachrichten zur Verfügung getellt
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Es knirscht im Getriebe
„Konstruktive Fehler“ verzögern Auslieferung der neuen Korvetten an die Marine / „Magdeburg“ liegt bei Lürssen
Von Krischan Förster
Bremen. Mit Radar sind sie kaum auszumachen. Dank weitgehend automatisierter Bord- und Waffensysteme reicht eine nur 58-köpfige Crew aus, um die Korvetten zu steuern. Der Typ K130 gilt als innovatives, flexibel einsetzbares ightech-Kriegsschiff, wie gemacht für Kriseneinsätze der Deutschen Marine. Ausgerechnet Mängel an der konventionellen Schiffstechnik werfen das vor acht Jahren begonnene Vorzeigeprojekt jedoch immer wieder zurück. Wegen eines Getriebeschadens wurden jetzt alle fünf Neubauten in die Werft zurückgerufen und vorübergehend stillgelegt.
Auf der „Oldenburg“, viertes Schiff der sogenannten „Braunschweig“-Klasse, waren bei einer Testfahrt lockere Schrauben in die Zahnräder des Getriebes gefallen und hatten
einen kapitalen Schaden angerichtet. Werftkonstrukteure und Inspektoren der Marine stellten bei der Ursachenforschung
nicht etwa den vermuteten einmaligen Defekt fest, sondern ein viel gravierenderes Problem: Die vom Schweizer Unternehmen
MAAG gelieferten Getriebe taugen offenbar nicht für die neuen Korvetten. „Es gibt anscheinend konstruktive Fehler“, bestätigte ein Sprecher der Marine gegenüber unserer
Zeitung. Dem Hersteller wurde zunächst eine Frist bis zum 12. Juni gesetzt, um eine Lösung zu finden.

   Bremer Werft im Konsortium dabei

„Das ist schon ärgerlich“, sagt Friedrich Lürßen, Chef der gleichnamigen Bremer Werftengruppe. Die Lürssen Werft gehört zu der Arbeitsgemeinschaft (Arge K130), die den 1,2-Milliarden-Auftrag zum Bau der Korvetten
erhalten hatte – außerdem sind die beiden ThyssenKrupp-Werften Blohm&Voss (Hamburg) und Nordseewerke (Emden) beteiligt. Laut Vertrag sollten die „Braunschweig“ und ihre vier Schwesterschiffe zwischen
Mai 2007 und Februar 2009 in Dienst gestellt werden. Pünktlich hatte Lürssen im September 2006 die „Magdeburg“ und ziemlich genau ein Jahr später als letztes Schiff der Fünferserie auch die „Ludwigshafen am Rhein“ abgeliefert. Doch
jetzt liegt die „Magdeburg“ schon seit Wochen an der Pier vor Lemwerder. „Wir 

Zurück in der Werft: Seit einigen Wochen liegt die Korvette „Magdeburg“ bei Lürssen in Lemwerder. Aus einer Routineinspektion wird eine lange Zwangspause. Nach einer technischen Panne auf einem Schwesterschiff muss das gesamte Getriebe ausgebaut und ersetzt werden.         FOTO: FÖRSTER
hatten die Korvette zur Inspektion hier“, sagt Lürßen. Selbst das Buggeschütz war für eine Wartung abmontiert worden. Reine Routine – bis die Hiobsbotschaft mit dem Getriebeschaden eintraf. Seither sind alle fünf Schiffe stillgelegt – in Bremen, Hamburg und Emden. Die MTU-Motoren
seien bereits für eine längere Liegezeit konserviert worden, heißt es. 
 Fakt ist: Die tonnenschweren Getriebe müssen komplett  ausgebaut und ersetzt werden. Das kostet einige Monate an Zeit und etliche Euro-Millionen. Auch für Lürssen wird es teuer. Die Werft kann zwar nichts für den  Getriebeschaden, als Teil der Arge K130 aber ist sie mit in der Haftung: „Bei solchen Vorkommnissen bleibt an jedem Beteiligten etwas hängen“, sagt der Firmenchef. 
    Ganze Serie von Pannen 
Die für weltweite Einsätze konzipierten Marineschiffe, die 21 Tage autonom auf See operieren können, sollten eigentlich längst die überstrapazierten Fregatten entlasten, denkbar wäre ihr Einsatz bei der Anti-Piraten-Mission am Horn von Afrika. Der Zeitplan von einst gilt allerdings schon lange nicht mehr, das Renommierprojekt scheint von Pech verfolgt. Denn der peinliche Getriebeschaden ist nicht 
die erste Panne auf einem der je 240 Millionen Euro teuren Schiffe.
 Bereits vor anderthalb Jahren war die 89 Meter lange „Braunschweig“ bei einem Ausweichmanöver
mit dem Heck in die steinige Böschung des Nord-Ostsee-Kanals geschrammt und hatte sich einen ihrer zwei Ruderpropeller demoliert. Der Unfall wäre wohl vermeidbar gewesen, hätte die Korvette
ein Bugstrahlruder gehabt. Doch auf die auf jedem Handelsschiff zur Standardausrüstung gehörende Manövrierhilfe hatte das  Bundesverteidigungsministerium aus Kostengründen verzichtet. Sie wurde nach dem Vorfall im Kanal nachgerüstet, um ähnliche Havarien zu vermeiden. Dafür nahm das Wehrressort dann sogar in Kauf, dass die ursprünglich gewünschte Spitzengeschwindigkeit
von 26 Knoten (47 km/h) nicht mehr erreicht werden kann.
  Unter der Überschrift „Eilig in Deckung“ listete der „Spiegel“ im Januar 2008 eine ganze Reihe weiterer Missgeschicke bei der Marine auf. Neben ungewollten Strandungen, Rammstößen und Selbstbeschuss anderer 
Schiffe ging es in dem Bericht auch um die erste neue Korvette. Eine Antriebswelle sei kaputtgegangen, die Elektronik habe sich störanfällig gezeigt, der Besatzung soll zudem durch hineinwabernden Abgasmief der beiden 10000 PS starken Dieselmotoren übel geworden sein. Der Werftenverbund habe daher erheblich nachbessern müssen. 
    Mehr als zwei Jahre Verspätung 
Nun also die neue Panne, deren Konsequenzen
derzeit nicht vollständig absehbar sind. „Die Prüfung ist noch nicht abgeschlossen“, sagt der Marinesprecher. Wenigstens eines der Schiffe will die Marine noch in diesem Jahr wieder in Fahrt bringen. Nach Angaben von Friedrich Lürßen könnte das durchaus die auf der Weser liegende „Magdeburg“ werden – falls sie aus der Schweiz den ersten nachgelieferten Getriebesatz erhalten
sollte. Die anderen Korvetten, von denen drei noch gar nicht in Dienst gestellt sind, würden bis 2011 folgen, heißt es. Also mehr als zwei Jahre verspätet. Ganz zu Anfang hatte dieMarine sogar 15 Einheiten dieses vielgerühmten Schiffstyps ordern wollen. Davon ist schon lange keine Rede mehr.