Der Bug des Schiffes schob sich über
den Wellenkamm, kränkte nach Steuerbord, um sich dann in dieser Schräglage
erneut ins Wellental zu stürzen.
Das Schiff, mit dem Achterdeck noch jenseits
des Wellenkamms, schrie verhalten.
Die infolge der Überdehnung des Rumpfes
bis zum Zerreißen gedrehten und gespannten Träger und Spanten
zeigten die Grenzen ihrer Belastbarkeit hörbar an. Eisige See schlug
nun über die Back, stieg an den Brückenaufbauten nach oben, nahm
dem Rudergänger trotz der in die Brückenfenster eingesetzten,
jetzt schnell rotierenden kreisrunden Spezialscheiben für Momente
die Sicht.
Die Reling des Schiffes war rundum dick
mit Eis behangen, das gesamte Oberdeck nebst aller Aufbauten erinnerte
eher an ein mit Zuckerguss und Puderzucker veredeltes Pfefferkuchenhaus
als an ein Hilfsschiff der Volksmarine.
Das Schiff, wenige Jahre vorher noch mit
einem 85-Millimeter-Buggeschütz und vier, jeweils zwei davon backbord-
und steuerbordseitig, in sogenannten „Schwalbennestern“ befindlichen 25-Millimeter-Schnellfeuermaschinenwaffen
ausgerüstet und als Minensuchschiff im aktiven Räumeinsatz auf
den Seewasserstraßen der Ostsee im Einsatz, diente umgerüstet
und von seinen tot-speienden Gerätschaften befreit nunmehr als Rettungs-
und Lazarettschiff.
Den vierten Tag schon stampfte das Schiff
vom Heimathafen Saßnitz auf Rügen, wechselseitig getrieben von
je einer der beiden backbords und steuerbords gelegenen Hauptmaschinen,
in langsamer Fahrt durch die winterlich-stürmische See dem estnischen
Hafen Tallinn mit acht bis zehn Knoten entgegen.
Seine Fracht bestand aus reichlich vierzig
jungen Marinesoldaten, welche zur Ergänzung der Restbesatzungen zweier
in der sowjetischen Kriegswerft von Tallinn liegenden und dort mit radargesteuerter
Waffenleittechnik nachgerüsteten Raketenschnellbooten bestimmt waren.
Die Boote lagen in der Werft seit dem
Frühjahr des Jahres bereits eine geraume Zeit, für das Kommando
der Volksmarine in Rostock mittlerweile zu geraum. Die Nachrüstung
schleppte sich dahin, diesbezügliche, immer drängendere Anfragen
seitens der deutschen Verbündeten erbrachten von sowjetischer Seite
aber nichts anderes als das altbekannte russische „budjet, budjet“. Nun,
wenige Tage vor dem Weihnachtsfest des Jahres 1966, schien der Knoten offenbar
gerissen, das war auch bitter nötig, denn jede weitere Verzögerung
hätte das Überwintern der Boote in Tallinn erforderlich gemacht,
einer Überführung in der vereisten Ostsee hätten die nur
wenige Millimeter starken stählernen Außenhäute der Boote
nicht standgehalten. Der Einbau und die Justierung der Technik befanden
sich in der abschließenden Phase, das Erprobungsschießen mit
dem neuen Waffenleitsystem stand allerdings noch bevor. Dann könnten
die Boote in ihren deutschen Stützpunkt in den nordwestlichen Buchten
Rügens mit jetzt auch wieder kompletten Besatzungen zurückgeführt
werden.
Noch aber bewegten sich die Auffüllbesatzungen
eingangs des Finnischen Meerbusens in stürmischer See, zumeist lagen
sie gleich welchen Dienstgrades völlig erschöpft, von mehrtägiger
Seekrankheit zermürbt und ausgelaugt im Vierzig-Mann-Deck in ihren
Hängematten und konnten weder leben noch sterben. Im Deck stank es,
hält man sich wortwörtlich an den Ausdruck des Maschinenmaates
des Rettungsschiffes, wie in einem „fünfstöckigen hinterindischen
Männerpuff“.
Holstein, von der üblen Plage der
Seekrankheit nicht erfasst, stand auch heute unterhalb der Brückennock
an der Backbordseite und konnte sich nicht sattsehen an der aufgewühlten
See. Immer wieder schäumte ihm die salzige, eiskalte Gischt ins Gesicht,
lief über Kapuze und pelzgefütterte Schnellbootjacke. Genauso
hatte er sich’s vorgestellt, genauso hatte er‘s gewollt. Hier bin ich Mensch,
hier darf ich’s sein! - Goethe, Osterspaziergang, Penne. Mein Gott, wie
lang war das schon her, eine Ewigkeit.
Da saßen sie nun, seine einstigen
Mitstreiter Kneisel und Konsorten, in staubigen Bibliotheken und anderen
Studiereinrichtungen, büffelten wie eh und je Mathe und Vokabeln,
klecksten mit Tusche Konstruktionszeichnungen auf Pergament und mussten
zusehen, wie sie mit den paar mickrigen Kröten Stipendium über
die monatlichen Runden kommen. Er, Holstein, Maat der Volksmarine inzwischen,
hatte nicht nur die frische Luft und die See, er hatte auch bedeutend mehr
Geld in der Tasche, sechshundert Mark immerhin auf die Hand, inklusive
See-, Bord- und anderer Zulagen freilich. Das musste man erst einmal verdienen
da draußen im Zivilen. Selbst ein frischernannter Diplomingenieur
kam in der Regel nettobesehen nicht auf diesen Betrag. Und da war noch
die andere, nicht unerhebliche Seite: Was wussten sie schon, Kneisel und
Konsorten, von seinem heroischen Einsatz für Frieden und Sozialismus
im Waffenrock der Volksmarine? Bei Lichte besehen trug er, nebst anderen
selbstredend, mit dazu bei, dass diese Staubschlucker vor feindlichen Zugriffen
geschützt ihrem armseligen Tagwerk nachgehen konnten. In Kürze
würde er, Maat Holstein, auf dem Raketenschnellboot mit dem verpflichtenden
Namen „Richard Sorge“, welches momentan noch vertäut in der Kriegswerft
zu Tallinn lag, in der Dienststellung des Funkmesswaffenleitmeisters das
neue elektronische Rechen- und Steuersystem nebst zweier doppelläufiger,
daran gekoppelter 30-Millimeter-Schnellfeuerkanonen übernehmen und
an Hand höchster Trefferquoten zum Erprobungsschießen beweisen,
wozu eine intelligente Kombination aus Mensch und Technik fähig ist.
Solchen Gedanken nachhängend erbaute sich Holstein am Toben des Meeres,
während das Schiff sich langsam, knirschend und ächzend durch
die Wellenberge schob und dabei zielstrebig seinem Ziel näherkam.
Der Ehrlichkeit halber muss an dieser
Stelle eingefügt und dargelegt werden, dass diese Befindlichkeit Holsteins,
wie er sie jetzt angesichts der rauhen See verspürte, ihm nicht stetig
und vor allem nicht von Beginn seiner Dienstzeit bei der Marine an zu eigen
war, seit er vor annähernd einem Jahr die verblichenen, an den unteren
Enden ausgefransten Jeans gegen die wahrlich facettenreichere Montur eines
Volksmarinematrosen eintauschte.
Das Theater begann nämlich gleich
mit der Ankunft auf dem Bahnhof zu Stralsund, obgleich sich dort das militärische
Empfangskomitee wegen eventuell trotz früher Morgenstunde bereits
vorhandener ziviler Zeugenschaft noch relativ bedeckt hielt. Die nach stundenlangen
Fahrten, Holstein selbst war über vierundzwanzig Stunden unterwegs,
kreuz und quer per Bahntransport durch die Republik Gekarrten wurden mit
knappen, in der Lautstärke noch mäßig verhaltenen Befehlen
auf die bereitstehenden Militärlastkraftwagen verfrachtet und zur
außerhalb der Stadt gelegenen Flottenschule transportiert. Kaum aber
dass die Kolonne in den militärischen Sperrbereich eingedrungen war,
und die Kasernentore sich hinter den eben Rekrutierten schlossen, nahmen
Lautstärke und Abfolge der Befehle in geradezu beängstigendem
Maße zu.
Runter vom Wagen, los, los, und ein bisschen
zackig, wenn ich bitten darf! Gepäck aufnehmen! Ruhe dahinten, sonst
mach ich Ihnen Beine! Antreten in Linie, marsch, marsch! Was hampeln Sie
denn da herum? Linie heißt drei Reihen hintereinander, na das werden
wir ja noch üben! Hatte ich etwas von Naseputzen befohlen? Wie heißen
Sie denn? Schmidt? Was Schmidt: Oberförster Schmidt, Fünfklässler
Schmidt, Hosenscheißer Schmidt? Matrose Schmidt, Genosse Obermaat,
heißt das! Wiederholen! Na bitte, klappt doch!
Holstein fühlte sich im völlig
falschen Film. Nach und nach zerplatzte an diesem nasskalten, sehr frühen
Novembermorgen, an dem er nebst den vielen anderen Neuankömmlingen,
noch in Zivil gekleidet und doch schon militärisch völlig vereinnahmt
auf dem mit zahlreichen Pfützen bedeckten Exerzierplatz stand, eine
Illusion nach der anderen, kaum eine blieb mehr übrig. Sie zerstoben
wie die buntschillernden Seifenblasen im kalten, anlandigen Wind, der hoch
oben die dunklen Wolken trieb und unten die Pfützen kräuselte.
Der auf dem Exerzierplatz vor ihnen mit
furchterregendem Gebrüll durch die Pfützen patschende Obermaat,
hatte mit den Holsteinschen Idolen der roten Matrosen von Kronstadt und
Kiel offensichtlich so wenig gemein wie ein Pflasterstein mit einer Mädchenbrust.
Das sollte die ersehnte seemännisch-proletarische Kampfgemeinschaft,
getragen von Kameradschaft und gegenseitiger Achtung, sein? Wo war er hingeraten?
Wie immer, wenn Holstein sich außerstande sah, ihn bedrängende
Prozesse zu beeinflussen, geriet er in gedankliche Hektik. Die sollte sich
noch erheblich verstärken, als sie in ihre Stuben geführt wurden.
Dort erwarteten sie blitzblank gescheuerte Fußböden und akkurater
Kojenbau, die blau-weißen Karos von Kopfkissen und Bettbezug exakt
nach Länge und Breite ausgerichtet und abgezählt. Bis zum angedrohten
Wecken in knapp zwei Stunden schlüpften alle in die Betten. Holstein,
in Sorge, er könne das Bett kaum wieder in die eben vorgefundene Ausgangslage
bringen, legte sich steif auf den Bezug obenauf. Das war unüberlegt,
denn als er gleich den anderen beim durch Mark und Bein fahrenden Trillern
der UvD-Pfeife vom Lager schnellte, war dieses dermaßen zerknüllt
und zerknittert, dass er Mühe hatte, es nach der dritten Zerstörung
durch den pfeifenbewehrten UvD einigermaßen zufriedenstellend zu
glätten.
Zum Mittagessen stellte sich alsdann der
Hauptfeldwebel der Einheit ein, nachdem sie in den Vormittagstunden schon
mit ihren jeweils zuständigen Gruppenführern für die nachfolgende
Zeit der sechswöchigen Grundausbildung vertraut gemacht wurden. Dies
waren allesamt Offiziersschüler der Seeoffiziersschule „Karl Liebknecht“,
vor einem reichlichen Jahr Abiturienten noch wie Holstein. Nun aber, im
zweiten Lehrjahr zur Offizierskarriere eingebettet, stellten sie ohne Zweifel
eine höhere Gattung Mensch dar. Auch sie, Bändermützenträger
wie die legendären roten Matrosen, passten mit ihrem Gehabe nicht
ins klassische Holsteinsche Bild von einer kameradschaftlichen, sozialistischen
Kampfgemeinschaft.
Sollten Staatsanwalt Gärtner und
die anderen doch Recht behalten? In diesem Zirkus, wie er, Holstein, ihn
während der ersten Stunden und Tage in der maritimen Waffengattung
der Nationalen Volksarmeee empfand, war für ihn, so sah es aus, bestimmt
kein Platz, es würde wohl Probleme geben, ganz erhebliche sogar wahrscheinlich.
Holstein beschlich ein zutiefst mulmiges Gefühl.
Der nun dem Mittagessen beiwohnende Spieß
ließ erst einmal die frischgebackene Ausbildungskompanie mehrfach
in den Speisesaal ein- und ausrücken, da ihn die Schnelligkeit der
sich die Treppen ins dritte Stockwerk hinauf und hinab bewegenden Neulinge
nicht zu befriedigen vermochte. Wertvolle Minuten gingen auf diese Weise
verloren, die schon bereitgestellten Schüsseln mit tomatensoßen-
und reibkäsebeträufelten Makkaroni kühlten merklich
ab. Endlich ließ der Spieß Gnade vor Recht ergehen, sie rückten
völlig außer Atem zum letzten Male in den Speiseraum ein, es
verblieben ihnen jetzt noch genau dreizehn Minuten, ihre Schüsseln
zu leeren. Während sie hastig die erkalteten Makkaroni in sich hinein
stopften, stellte sich der Spieß kurz und knapp vor. Drei Feuerarten
gäbe es in der NVA, Einzelfeuer und Dauerfeuer, soweit so gut und
soweit auch bekannt. Die dritte Feuerart wäre er, der Hauptfeldwebel
namens Hinterfeuer, und ein gewaltiges Feuer würde er ihnen unter
dem Hintern noch entfachen, sowie er Hinterfeuer hieße. Während
dieser Einführungsrede marschierte er an den Stirnseiten der langen
Tische entlang und begutachtete die ihm für die nächsten Wochen
anvertrauten Schäfchen. Was war das denn? Einer der Neulinge stocherte,
nur bewehrt mit der Gabel, in der Schüssel herum! Eine Kultur ist
das!
„He, Sie da! Ja Sie da, der mit der Gabel
und dem dummen Gesicht! Wir sind eine zivilisierte Nation, hier wird mit
Messer und Gabel gefuttert, verstanden?!“
Der derart barsch in die Schranken der
Esskultur Verwiesene errötete stark und setzte die Speiseaufnahme
in der befohlenen Weise fort, freilich mit weitaus geringerer Effizienz
als vorher, denn er stammte aus einer ländlichen Gemeinde in der Nähe
von Demmin, da galt es als gehoben und männlich, in einem Zuge einen
viertel Liter Weizenkorn zu leeren, Messer und Gabel waren dabei absolut
entbehrlich.
Nachdem Spieß Hinterfeuer Zucht
und Ordnung fürs erste in hinreichendem Maße glaubte durchgesetzt
zu haben, stiefelte er zu einem den Ausbildern und der Stammbelegung vorbehaltenem
Tisch, entnahm der Innentasche seiner Uniformjacke einen Löffel, wischte
diesen am Ärmel ab und begann, mit außerordentlich hoher Frequenz
die Makkaroni in sich hineinzuschlingen. „Marine-Rundschlag“, so lernte
Holstein alsbald die Umschreibung für eine solche Art Esseneinnahme
kennen.
Alles in allem sah sich Holstein nach
drei Wochen am NVA-Standort Stralsund in einer bösen Falle. Die den
revolutionären Matrosen von 1917 und 1918 äußerlich so
ähnlich sehenden Ausbilder, in der Regel Meister und Obermaate der
Stammbelegschaft der Flottenschule, entpuppten sich mehrheitlich als üble
Schleifer. Statt sozialistischer Soldatenromantik war teilweise übler
Barras angesagt, wie er ihn aus „08/15“ und gleichermaßen einschlägiger
Literatur herausgelesen und den spärlichen väterlichen Kriegsberichten
entnommen hatte.
Die sechs Wochen bis zum Ende der Grundausbildung
verliefen nach dem Muster: Explatz – Küchendienst – Waffenübungen
am Ort mit und ohne Seitengewehr – Gefechtsübungen im Gelände
– Dienstvorschriftenkunde – Schulschießen - Waffenreinigen – Explatz
– und wieder vorn beginnend.
In einer der ersten Dienstkundestunden,
gehalten vom Kompaniechef persönlich, nahm Holstein erst ziemlich
überrascht und dann hochgradig verstört zur Kenntnis, dass ihnen,
den neueinberufenen Angehörigen einer sozialistischen Armee ab jetzt
jeglicher Kontakt zu Personen im kapitalistischen Ausland aufs strengste
und bei Strafe verboten sei. Das hieß für ihn aus und vorbei
mit Angelika aus Pforzheim, so prächtig sich die Dinge auch entwickelt
hatten. Zu ihrem diesjährigen Besuch hatte er ihr einen Riesenstrauß
Blumen aus der nahegelegen Gartenkolonie zusammengeklaut und per Mundharmonika
mehr schlecht als recht ein Ständchen dargebracht: La paloma natürlich
zuerst, gefolgt von den hundert Mann mit dem einem Befehl. Am darauffolgenden
Tag lagen sie bis spätabends am Steinbruchsee. Die plötzlich
per Dienstanweisung befohlene Trennung von ihr tat ihm weh, war jedoch,
bei hellem Lichte besehen, und wie die Dinge nun einmal lagen, vielleicht
auch so am besten: Er würde niemals in den Westen gehen, sie niemals
in den Osten zurückkehren.
Mögliche Freiräume, auch solche
in den Abendstunden, wurden gefüllt mit Nadelarbeit. Jedes Kleidungsstück,
und derer gab es im großen Seesack der Rekruten jede Menge, beginnend
bei den drei Kieler Ex-Kragen bis hin zu den fünf Paar schwarzen Socken,
dazwischen jede Menge Unterwäsche, Pullover, Arbeits- und Freizeituniformteile,
wollte mit dem Namen des jeweiligen Besitzers versehen sein, handsticklich,
rotes Garn. Holstein quälte sich redlich, hätte in diesen schaurigen
Momenten lieber Hinz oder Kunz geheißen, aber besser noch Gert Holstein
als Hans-Ulrich Knickenbold. Viele Jahre danach, längst schon wieder
in zivilen Jacken und Hosen, fand er ab und zu im Kleiderschrank nach eine
Socke oder ein Unterhemd, gekennzeichnet mit den runenartigen roten Stickzeichen.
Hin und wieder tobte auch ein Gewitter
menschlicher Natur in die Stuben, gerade dann, wenn die Freiräume
auch nicht mehr mit Stickarbeiten gefüllt waren und so Zeit für
Skat oder Briefeschreiben blieb. So gefiel sich dieser oder jener der Ausbilder
schon ab und zu in seiner gottgleichen Rolle, wenn er alkoholgeschwängert
aus der Kantine kam und in den Stuben der Rekruten noch Licht sah. Am beliebtesten
bei den Ausbildern stellten sich dabei die Spielarten „Maskenball“ und
„Feueralarm“ heraus. Während beim Maskenball auf Befehl des Ausbilders
eine schier unendliche Anzahl von Uniformdarstellungen durch die vom abendlichen
Unglück betroffenen gegeben war, beginnend beim Bord-blau über
das Bord-weiß, dann wechselnd zum Trainingsanzug und von diesem überleitend
zum Kampfanzug mit und ohne aufgesetzter Schutzmaske, den Reigen beschließend
mit zweiter Geige, erster Geige und als Krönung des Ganzen die erste
Geige mit weißer Ex-Bluse, alles freilich in wenigen Minuten zu erledigen
und dann wahlweise den Zyklus in ähnlicher Form wiederholend, um fünf
Minuten vor dem Befehlsruf, unterstützt vom Trillern der Pfeife, „Nachtruhe
– Licht aus!“ die militärisch wohlgeordneten Spinde vorzuweisen, ging
es beim „Feueralarm“ durchaus einseitiger zu. Nach entsprechendem Alarmruf
des den Spuk veranlassenden Ausbilders stopften alle ihre Habseligkeiten
in die Seesäcke, den Stahlhelm obenauf, und schleppten diese dann
zum Stellplatz. Der Ausbilder kontrollierte sodann die personelle und die
materielle Vollzähligkeit, die materielle in der Form, dass er stichprobenartig
diesen und jenen Seesack auf dem Stellplatz entleeren ließ, unabhängig
davon, wie sich die Beschaffenheit des Platzes jeweils gestaltete. Dann
befahl er den Delinquenten noch ein, zwei Runden Laufschritt, mit aufgenommenem
Seesack versteht sich, um den Platz und ordnete endlich die wohlverdiente
Nachtruhe an, nicht ohne sich vor dem endgültigen Abschalten des Lichts
über den Zustand der ordnungsgemäß wieder eingeräumten
Spinde informiert zu haben.
Unterhaltsam für die Ausbilder bot
sich des weiteren an, den erreichten Reinlichkeitsgrad der Stuben nach
dem wöchentlichen Großreinschiff in den Vormittagstunden der
Samstage in der Art zu kontrollieren, dass die beiden die Stube zur Ronde
abmeldeten Matrosen hübsch gekleidet in Bord-weiß gegenläufig
unter den stählernen Doppelbetten auf dem Fußboden entlangglitten.
Inwieweit der Sauberkeitszustand den Erwartungen des Rondenführers
entsprach, ließ sich nach Erreichen der Zielgerade vor des Ausbilders
Stiefelspitzen vor allem an den Ellenbogen und Knien der vor ein paar Minuten
noch weißgekleideten Saubermänner zuverlässig ablesen.
Geradezu albern fand Holstein das immer
wieder an den Maschinenpistolen exerzierte Auseinandernehmen und Zusammenbauen.
Selbst im Rahmen von Wettstreiten, hier zumal mit verbundenen Augen, wurde
dieses Ritual geübt. Niemals zuvor hatte Holstein davon gehört,
in Filmen gesehen oder in Büchern gelesen, dass vom schnellen, sogar
eventuell blind vollzogenem Aus- und Einbau der Zubehörteile von Schießgerät
aller Art der Ausgang von Schlachten und Kriegen abhing. Ihm schienen diese
Verrichtungen mehr und mehr dort angesiedelt zu sein, wenn auch militärisch
verbrämt, wo auch das Einsticken der Namenszüge in ihre Kleidungsstücke
hingehörte.
Die Abschlussübung aller Ausbildungskompanien
fand dann in der Mitte des Dezember statt. Sie führte die in fleckigen,
den Farben der Natur nachempfundenen Kampfanzügen ausrückenden
Einheiten nach Gefechtsalarm in aller Herrgottsfrühe, jeder einzelne
von ihnen behangen mit Sturmgepäck Teil eins, eingerollter Zeltbahn,
Feldspaten, Schutzmaskentasche, Schutzumhang, Feldflasche, Kochgeschirr
und Maschinenpistole Kalaschnikow nebst Magazintasche, in das fünfzehn
Kilometer entfernte vom nassen Schneefall heimgesuchte Übungsgebiet.
Nach bewährter Manier rannten, krochen
und sprangen sie über den Acker, sich stets nach eingestreuten Kommandos
wie „Panzer von links!“ oder „Tiefflieger von vorn!“ so gut es ohne negativ
dabei aufzufallen eben ging im Schlamm in Deckung bringend. Holstein würgte
während des Robbens über den schlammigen Gefechtsacker seinen
gesamten Mageninhalt aus sich heraus, den hatte er knappe dreißig
Minuten vorher erst aus der Feldküche abgefasst.
Spätabends zogen sie zur Kaserne
zurück, die letzten fünf Kilometer unter vollständiger Schutzbekleidung
mit aufgesetzter Gasmaske im Eilmarsch. Die Ausbilder, vom Ballast der
genannten Art befreit und vorsorglich mit an den Stiefelsohlen befestigten
Antirutschstreifen ausgerüstet, trieben mit harschen Befehlen zur
Eile, während die Rekruten auf den eisigen Straßen und Wegen
schlitterten, ausglitten und mit all ihrem militärischen Behang hinschlugen.
Erst kurz vor der kleinen Ortschaft unmittelbar vor dem Kasernentor kam
dann der erlösende Befehl zur Entwarnung vor radioaktiven und chemischen
Kampfstoffen. Sie verpackten die Schutzanzüge, fanden sich erneut
zur Marschformation und stapften durch frisch gefallenen Schnee der Unterkunft
entgegen.
„Ein Lied!“, kommandierte der Kompaniechef.
Er ließ den Titel diesmal offen, die Rekruten sollte ihn sich selbst
auswählen dürfen. Dann sangen sie erfahrungsgemäß,
erschöpft wie sie nach dem langen Ausbildungstag im Gelände auch
immer waren, mit größerer Begeisterung.
„Spaniens Himmel“, „Ein Heller und ein
Batzen“, „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ schallten die Vorschläge
aus den Reihen der in der Dunkelheit Dahinziehenden. Letztendlich setzte
sich die schwarzbraune Haselnuss durch und so zogen sie, nochmals mit letzter
Kraft beseelt, völlig verdreckt und verschwitzt, aus allen Löschern
und Ritzen ihrer Kampfanzüge stinkend wie Waldesel, trotzdem laut
singend über die von niedrigen Backsteingehöften gesäumte
kopfsteinige Straße. Die Dorfbewohner nahmen davon keine Notiz, Gesangsvorträge
vorbeiziehender Matrosen kannten sie längst aus dem ff, die Liedertexte
waren ihnen weitläufig vertraut, unwesentlich dabei, ob es sich um
kolonnenförmig kommandierte oder vom Landgang zurückkehrende
alkoholisierte Angehörige der Volksmarine handelte.
Nach der sechswöchigen Grundausbildung
setzte die spezialfachliche Ausbildung ein, säuberlich getrennt nach
Mannschafts- und Unteroffizierslaufbahnen. Holstein verschlug es zu den
Funkmessern, den Radarspezialisten. Hier lernte er in den nächsten
zehn Monaten das System RIS bedienen, ein Artilleriekomplex bestehend aus
zwei doppelläufigen, trommelgeführten Schnellfeuergeschützen
sowjetischer Bauart, gesteuert von einem elektronischen Rechner, der die
Signale der angeschlossenen Radarstation und des Kreiselkompasses zu Richtwerten
für die Geschütze umwandelte.
Daneben lief freilich in dieser Zeit auch
die infanteristische Ausbildung auf dem Ex-Platz und im Gelände weiter,
nicht mehr so oft und mit so viel Krakeel wie in den ersten Wochen, vielleicht
aber hatten sie sich daran auch schon gewöhnt. Holstein jedenfalls
fiel es zunehmender leichter, die Verhältnisse zu ertragen, die wechselseitige
Ausbildung machte ihm jetzt zusehends Spaß. War nicht ein deutlicher
Unterschied zur Grundausbildung zu spüren? Nicht mehr lange hin, da
würde er in der Flotte auf einem Schiff seinen Dienst versehen, dann
hatten auch endlich Stahlhelm und Sturmgepäck ausgedient.
Zum Ende des ersten Ausbildungshalbjahres
fand die Versetzung der Mannschaftsdienstgrade in die Flotteneinheiten
statt, die für die Unteroffizierslaufbahnen vorgesehenen Vierjährigverpflichteten
wurden von Matrosen zu Unteroffiziersschülern ernannt und rückten
erst einmal statt wie bisher in die Ausbildungsräume jetzt in die
Wachlokale ein. Bis die Neueinberufenen nach Grundausbildung und Wacheinführung
standfest waren würden sie, die nunmehr „alte Hasen“, allein Wache
schieben und zwar im Rhythmus ein Tag Wache – ein Tag Bereitschaft – ein
Tag frei.
Vom regulären Dienst wie gewohnt
nun plötzlich befreit, zerbröselte die mühsam errichtete
militärische Disziplin und Ordnung bei den Wachsoldaten auf Zeit binnen
weniger Tage. Nur zum Wachdienst selbst rissen sie sich wie bisher zusammen.
Auch trugen die Verhaltensmuster der altgedienten Maate und Matrosen des
Hafenkommandos und die Stammbesatzungen der im Hafen für Schulungszwecke
liegenden Minenräumboote nicht gerade zu Erhaltung militärischer
Tugenden bei den wacheschiebenden Unteroffiziersschülern bei, im Gegenteil.
Der Befehl des Ministers für Nationale
Verteidigung der DDR zum vollständigen Alkoholverbot in allen Dienststellen
der NVA war noch nicht in Kraft, die meisten ahnten nicht einmal davon.
Er sollte in wenigen Wochen die Armeeangehörigen aller Dienstgrade
schlimmer treffen als die erhöhte Gefechtsbereitschaft zu Zeiten der
Kubakrise. Noch aber flossen Bier, Wein und Schnaps reichlich, sowohl
in der Kantine, einem Holzschuppen gleich hinter dem Kasernentor, als auch
auf den Unterkünften der jungen Seeleute.
Holstein und Pohler, vor zwei Stunden
standen sie noch wechselseitig am nördlichen Torpedobunker auf Wache,
marschierten strammen Fußes auf der asphaltierten Objektstraße
am großen Exerzierplatz vorbei in Richtung Kantine. Den ihnen in
der abendlichen Dämmerung entgegenkommenden Ausbilder, ein Maschinen-Obermaat
der Stammbelegschaft übersahen sie dabei geflissentlich, was der sich
freilich von den beiden Schlipsen nicht bieten ließ. Die Finger noch
krumm vom Koffertragen, die Litze um den Kolanickragen noch nicht verdient,
aber ein Benehmen wie altgediente Flottenhengste!
„Sie können wohl nicht grüßen,
was?!“, herrschte er sie erbarmungslos an. „Ab, zurück, und zwar dalli!“
Sie trabten also auf das Geheiß
des Obermaaten bis diesen das alberne Spiel selbst langweilte noch fünfmal
an ihm vorbei, jetzt jedesmal stramm die Hände an die Bändermützen
reißend.
„Arschloch!“, vermeldete Pohler, nachdem
der Obermaat eine abhörsichere Distanz erreicht hatte.
Sie erreichten die Kantine ohne weitere
Störung. Stickige, nach Tabak, Schweiß, Speisedunst und Urin
riechende Schwaden umhüllten sie sofort, den ohrenbetäubenden
Lärm hatte sie schon draußen vernommen. Holstein und Pohler
quetschten sich durch die teilweise trotz der noch frühen Stunde schon
reichlich Alkoholisierten und fanden schließlich ganz hinten einen
gerade frei werdenden Platz. Der darauf vorher gesessen hatte, wurde gerade
von seinen Saufkumpanen mit lautem Gebrüll abtransportiert. Sie stülpten
ihm die Mütze, welcher der Bezug fehlte, verkehrt herum auf den Kopf,
so dass ihm die schwarzen Seidenbänder vor dem von einer dümmlichen
Grimasse durchzogenen Gesicht hingen und die Bänderinschrift „Volksmarine“
nach hinten zeigte und verluden ihn alsdann in eine über und über
mit Zement verkrustete Schubkarre. Ein Dienstgradabzeichen konnte Holstein
am linken Ärmel des in der Karre Röchelnden nicht ausmachen.
Er sah es wenig später, offensichtlich abgefetzt, in der Neige eines
nicht ganz geleerten Bierglases, welches neben den unzähligen anderen
noch auf dem Tisch stand, schwimmen. Stabsmatrose, wahrscheinlich einer
der übermorgen zur Entlassung aus dem aktiven Dienst Anstehenden.
Noch eine ziemliche Weile hörte man durch die halb offene Tür
das Gegröle der „schwer mit den Schätzen des Orients Beladenen“
in Richtung Hafen abziehenden Meute, dann, als ihnen mutmaßlich der
Text ausging, den Schlachtruf „EK, EK, EK, bald sind wir nicht mehr da!“,
mehrstimmig dargebracht nach der eingängigen Melodie des Schlagers
„Mitsu, Mitsu, Mitsu, komm doch zum Rendezvous“
Holstein und Pohler, der mittlerweile
einen weiteren Stuhl herangeschleppt hatte, bestellten wie üblich
„Hamburger Schnitzel“ mit soviel Bratkartoffeln, dass diese über den
Tellerrand kleckerten. Sie genehmigten sich noch jeweils zwei große
Bier und drei kleine Schnäpse, dann machten sie sich wieder aus dem
Staube. Erfahrungsgemäß konnte die Kantine zu späterer
Stunde zur Hölle ausarten. Erst vergangene Woche gab es einen heftigen
Streit mit der herbeigerufenen Wache, der dann in eine kräftige Keilerei
mündete. Am Ende wurden alle noch in der Kantine Verbliebenen von
der zahlenmäßig weit überlegenen und im Vollbesitz ihrer
geistigen und körperlichen Kräfte befindlichen Wachmannschaft
ziemlich unsanft über die Bordwände eines LKW W-50 verfrachtet
und zwecks Ausnüchterung für die kommende Nacht in den Arrest
gesteckt, immer acht Mann in die höchstens für vier Personen
gedachten Zellen. Als Ursache des Herbeirufs der Wache durch die weiblichen
Küchenkräfte der Kantine an diesem Abend agierte ein Obermaat,
der sturzbetrunken und nicht mehr Herr seiner Sinne, vor aller Augen den
Latz seiner Klapphose öffnete und fallen ließ und dann unter
lautem Johlen der Umstehenden und Umsitzenden versuchte, seinen schlaffen
Penis auf den Tresen zu legen. Da es ihm nur bedingt mit Müh‘ und
Not gelang, sich auf den Beinen zu halten, griff er mit der linken Hand
zum Zapfhahn, augenscheinlich in der Absicht, dem angestrebten Vorhaben
eine stabile Grundlage zu verleihen. Der Zapfhahn jedoch war der ungewohnten
Belastung nicht gewachsen und riss ab. Als Folge dessen ergoss sich in
schäumendem Strahl literweise Bier über den Obermaat und die
Umstehenden, was das allgemeine Johlen erheblich verstärkte.
Holstein und Pohler widerstanden der Versuchung,
noch ein paar Pullen Bier mit in die Unterkunft zu nehmen, denn das war
laut Dienstreglement strengstens untersagt. Das Reglement an sich hätte
sie nicht besonders geschert, so weit waren sie schon gediehen in ihrem
gelockerten Verhältnis zu Dienstvorschriften, jedoch stand zu vermuten,
dass alsbald eine erneute Spindkontrolle angesagt war, unangemeldet selbstredend
und nicht ohne Grund, wie wir gleich sehen werden.
Gerhard Eibner, seines Zeichens frischernannter
Unteroffiziersschüler und Stubenkamerad von Holstein und Pohler, kehrte
am Mittwoch der vergangenen Woche vom Wachdienst in die Unterkunft zurück.
Auf der Stube befand sich außer ihm niemand, so öffnete er seinen
Spind, der mit allerlei ungeordnetem Plunder sowie leeren und vollen Bierflaschen
bis zur Hälfte gefüllt war und zog erst einmal einen kräftigen
Schluck aus der Pulle. Dann nahm er sich wie geplant seine Urlaubsmütze
vor.
Einen gestandenen Flottenhasen erkennt
man nämlich sogleich an der Mützenform: kreisrunder Bezug mit
darin steil aufgerichtetem Steg bezeugt ungedienter Rotarsch, gezogener
ovaler Bezug ohne Steg dagegen verheißt langwährende Dienstzeit,
wenn nicht gar baldige Reserve.
Während der Landgänge in der
Garnisionsstadt Stralsund durfte man sich freilich mit einer auf solche
Weise verformten Mütze nicht erwischen lassen, nicht von der Militärstreife
und nicht von Vorgesetzten jedweder Art, Offiziersschüler darin eingeschlossen.
Im Urlaub jedoch, in den fernen, mit den Bekleidungsvorschriften der Volksmarine
nicht sonderlich vertrauten thüringischen und sächsischen Dörfern,
konnte das gute, jedoch wider den geltenden militärischen Vorschriften
gänzlich verformte Stück ans Licht gebracht und mit allem gebotenem
Stolz auf dem Kopf herumgeführt werden. Fast jeder von Holsteins Kameraden
präparierte also, gesetzmäßig geradezu, für den bevorstehenden
einwöchigen Urlaub in genannter Weise eine zweite Mütze. Diese
Zweitmützen würden vorerst klammheimlich ins Reisegepäck
verstaut, spätestens aber in Höhe der Bahnstation Anklam wieder
daraus hervorgeholt und gegen die gehassten kreisrunden eingetauscht werden.
Eibner hatte diesbezüglichen Nachholebdarf.
Während der weiße Mützenbezug zwecks besserer Verformung
noch im Wasserbad lag, riß er schon einmal den Steg aus dem Mützenring
und erklomm dann eine Hocker, um den drahtigen Spannring, den er unter
dem Sturmgepäck auf dem Spind versteckt hielt, herauszuholen und für
die notwendige Spannung des Bezugs vorzubereiten. Den bereits malträtierten
Mützenring hatte er derweil aufgesetzt. Just in diesem Augenblick
betrat der Kompaniechef die Stube. Das war im Grunde genommen völlig
abwegig, denn der Ko-Chef hatte sich seitdem die in der Einheit verbliebenen
Unteroffiziersschüler zum Wachdienst abkommandiert waren, kaum, um
nicht zu sagen, überhaupt nicht mehr um die trivialen Obliegenheiten
der Einheit gekümmert, wozu hatte er dafür seinen Hauptfeldwebel.
So war die Überraschung perfekt, auf beiden Seiten. Eibner hatte den
Ko-Chef nicht erwartet, der nicht Eibner, den schon gar nicht in dieser
Aufmachung. Letzterer war auf dem Schemel in Habachtstellung zur Salzsäule
erstarrt, den Mützenring mit den hinten herabhängenden Bändern
ohne Bezug auf dem Kopf. So standen sich beide gegenüber, vorerst
sich schweigend fixierend, Eibner in etwas erhöhter Position.
Dann aber brach’s aus dem Kompaniechef,
den man in der Flottenschule allgemein unter dem Spitznamen der „letzte
Preuße“ kannte, denn er galt als gnadenloser Asket, der auch bei
härtesten winterlichen Bedingungen die elf Kilometer von seiner Wohnung
zur Dienststelle mit dem Fahrrad zurücklegte, heraus: „Geben Sie die
Mütze her, aber fix. Und dann scheren Sie sich endlich von dem Schemel
herunter!“ Er riss dem vom Schemel herabsteigenden Eibner den Mützenring
aus der Hand und stülpte ihn, nachdem er seine eigene Dienstmütze
abgesetzt hatte, sich selbst auf den Kopf. „Und das finden Sie schön?“,
donnerte er zu Eibner und baute sich in fragender Haltung vor diesem auf.
Der Befragte zuckte die Schultern. Was
sollte er auch schön finden an dem vor ihm stehende Kapitänleutnant
Schäfer mit dem lächerlichen Kopfputz, aus dem sich oben die
allmählich erkahlende Platte schimmernd herauswölbte. Sah er
doch aus wie der alternde Winnetou, dem man die Federn aus dem Hut geklaut
hat.
Kaleu Schäfer erkannte rasch die
Peinlichkeit der Situation.
„Die Mütze behalte ich ein! Und nun
machen sie mal Ihren Spind auf. “
Eibner zog langsam, wissend um die Folgegeschehnisse,
vorsichtshalber ein Bein vor die sich gleich öffnende Tür stellend,
die Verriegelung zurück. Allein, das vorgestellte Bein erwies sich
wirkungslos gegenüber der Masse der aus dem Spind quellenden Utensilien.
Zwischen lose hineingestopften Uniform- und Ausrüstungsstücken
rutschten und kullerten mit Geklirr und Gescherbel die von der Beengung
im Spind befreiten leeren und vollen Bierpullen dem Ko-Chef vor und um
die Füße. Das war dem zuviel des Guten.
„Sie räumen jetzt sofort diesen Saustall
auf, und zwar ratzbatz und picobello, anschließend melden Sie sich
beim Spieß! Wie ich den kenne, wird er noch jede Menge Zylinder in
der Toilette für Sie zur Säuberung vorrätig haben. Und wehe
Ihnen und Ihren Stubengenossen, ich finde je wieder auch nur eine leere
Flasche Bier auf der Unterkunft! Dann Gnade Ihnen der liebe Gott!“
Der Ko-Chef hatte mit dem lieben Gott
bekannterweise recht wenig im Sinn, aber Eibner verstand sehr wohl die
Drohung. Mit kurzfristigen Nachkontrollen war zu rechnen, wenn nicht durch
den Ko-Chef selbst, dann durch den von ihm beauftragten Spieß. Der
war zwar, wie man es landläufig ausdrückte, dumm wie ein Sack
Russen, dafür aber um so gefährlicher.
Solchermaßen lagen also die Dinge,
als sich Holstein und Pohler aus der Kantine zurück zu ihrer Unterkunft
begaben und auf die Mitnahme alkoholischer Getränke verzichteten.
Im Juni des Jahres 1966 trat Holsteins
Ausbildungszug den lang erwarteten einwöchigen Heimaturlaub an. Die
mehr als zehnstündige Heimreise wollte und wollte nicht vergehen,
dafür die Rückfahrt um so schneller. Zu Hause traf er keinen
seiner ehemaligen Freunde an, auch nicht am Steinbruchsee. Sie waren mittlerweile
fast allesamt in festen Mädchenhänden und hatten für ihn
keine Zeit. Kneisel, dem er zufällig in der Stadt begegnete, schien
es eilig zu haben, es wäre die Abgabe der Konstruktionszeichnung eines
dreistufigen mechanischen Getriebes fällig, na gut, wenn’s denn unbedingt
sein muss, auf ein Bier, keinesfalls aber mehr, Holstein möge die
Zeche inzwischen auslegen. Sie fanden nicht recht zueinander, hatten sich
wenig zu sagen, die einstige Vertrautheit schien gebrochen, zu weit schon
waren ihre nunmehrigen Lebensumstände verschieden. So war Holstein
am Ende froh , wieder in der Truppe bei seinen Kameraden zu sein.
Nach einem vierwöchigen Seepraktikum
auf den im Hafen der Flottenschule liegenden Räumpinassen, hier tätowierten
sie sich im ausreichend mit Alkohol narkotisierten Zustand gegenseitig
Anker, Navigationssterne, Seemannsgräber und Herzen in Ober- und Unterarme,
schlossen sie mit diversen Fachprüfungen und einer großangelegte
Abschlussübung im Gelände nebst Schießübungen mit
der Kalaschnikow und scharfem Handgranatenwerfen den Lehrgang ab. Die Ernennung
der Unteroffiziersschüler zu Maaten und ihre Aufteilung auf die Flottenverbände
erfolgte im September.
Holstein wurde der 1. Raketenschnellbootsabteilung
der 6. Flotille in Dranske auf Rügen zugeteilt. Von diesem Ort hatte
er in seinem bisherigen Leben noch nie gehört, er sollte nun für
viele Jahre sein Zuhause werden.
Man hatte sie am Stabsgebäude des
Standortes Bug aus den Bussen geladen und in Empfang genommen. Eibner wurde
der Torpedoschnellbootsbrigade zugeteilt, Pohler hatte es schon vorher
zu den U-Jägern der 4. Flottille nach Peenemünde verschlagen.
Mit geschulterten Seesäcken stapften
sie zu dritt, neben Holstein ein Funkmaat und ein Maschine-E-Maat, unter
der Führung eines sie begleitenden Obermeisters schweißüberströmt
in der gleißenden Nachmittagssonne dem Hafen entgegen, dort vorbei
an der Torpedoboot-Slipanlage, passierten den Posten am Beginn der Pier,
an der päckchenweise an den drei Wohnschiffen vertäut die Raketenboote
im silbrig glänzenden Wasser tänzelten, und wankten endlich unbeholfen
über die Stelling eines der drei Wohnschiffe. Von den dort lässig
über die Reling der oberen Aufbauten lehnenden, zumeist in der Arbeitskluft
Bord-blau steckenden Mannschaften wurden sie schon gebührend begrüßt:
„Ach, sieh an, die neuen Schlipsmaate sind eingetroffen. “
Vorerst quartierte man sie zu den bereits
am Vortag eingetroffenen Jungmaaten in einer der im unteren Verkehrsgang
des Wohnschiffes liegenden Zwölf-Mann-Mannschafts-kammern ein. Jeweils
drei Kojen übereinander angeordnet, dazwischen schmale Gänge,
unter den beiden mit Vorreibern wasserdicht verschließbaren Bulleyes
eine schmale Sitzbank, davor die schmale, abklappbare Back, diese umringt
von einer Reihe von Schemeln. Es müffelte streng. Holstein quetschte
sich in eine der untersten, noch freien Kojen, ihre Seesäcke standen
vor dem Schott zur Kammer, die hätten unausgeräumt überhaupt
nicht mit in die Kammer gepasst.
Aufgeteilt auf ihre Besatzungen würden
sie dann eine der etwas komfortableren Unterführerkammern, belegt
mit jeweils sechs Mann, die sechs Kojen lediglich doppelt übereinander,
auf dem oberen Verkehrsgang des Wohn- und Versorgungsschiffes der Schulbootsabteilung,
genannt „Platsch“, beziehen.
Alsbald stellte sich heraus, dass Holsteins
Boot, die „Richard Sorge“, schon seit Monaten im estnischen Tallinn lag,
zu Beginn des Winters sollte es nach erfolgter elektronischer Zurüstung
nach Deutschland rückgeführt werden. Dann würde das Seegefechtstraining
in der Schulbootsabteilung, zu der die „Richard Sorge“ seit Beginn des
neuen Ausbildungshalbjahres gehörte, einsetzen. Rollentraining und
Bootsgefechtsübungen auf See, zumeist aber im Hafen und würden
ihren Alltag bestimmen, der nach dem Signalton sechs Uhr morgens mit Ein-
bis Dreitausendmeter-Läufen zum Frühsport begann und sich mit
dem Befehl des Bootsmanns der Wache „Nachtruhe, Ruhe im Schiff, Licht aus!“
zweiundzwanzig Uhr rundete.
In der ersten Dezemberwoche wurden die
zwei Besatzungen der aus Tallinn zu überführenden Raktenschnellboote
in Saßnitz auf das Rettungsschiff R11 eingeschifft und damit in Richtung
Estland in Marsch gesetzt.
Sie erreichten die baltische Hafenstadt
total vereist am frühen Nachmittag, da begann es bereits wieder zu
dämmern. Schon gegen sechzehn Uhr lag finstere Nacht über dem
mäßig beleuchteten Hafengelände. Die Neuankömmlinge
wurden freudig erwartet begrüßt, die meisten kannten sich. Holstein
bezog im mit acht Mann belegten Unterführerdeck steuerbordseitig die
vordere, obere Koje. Die aufgelegte Matratze diente sinnigerweise auch
als Rettungsmittel, zu diesem Zweck war sie im schweren Segeltuch mit kleingestückeltem
Kork gefüllt. Das Innere des Kampfbootes sowjetischer Bauart
war entsprechend den Normen eines unter Kriegsbedingungen schnell verschleißenden
Kampfmittels auch im Unterführerdeck karg ausgestattet: winzige blecherne
Spinde, Kabelbahnen und Rohre für Wasser und Dampf unverkleidet an
den stählernen Wänden verlegt, die beiden Schotten mittels schwerer
Vorreiber wasserdicht verschließbar.
Ins Deck hinein wölbte sich ein Teil
des unteren Geschützturmes, darin lagerten gewöhnlicher Weise
nach linkem und rechtem Geschützrohr getrennt je fünfhundert
Schuss gegurteter 30-Millimeter-Munition für die Bugwaffe. Das vordere
Schott im Deck verbarg den Toiletten- und Waschraum, ausgestattet mit einer
handpumpenbetrieben Toilette, einer Dusche und einem elendig kleinen Waschbecken.
Diese Sanitärzelle war der Nutzung aller Unterführer- und Mannschaftsdienstgrade
anheim gestellt, nur die Offiziere verfügten in ihrem Deck unterhalb
der Brücke über ein eigenes Waschbecken und eine eigene Toilette,
zum Duschen allerdings mussten auch sie zum Bugwaschraum.
Zu Zeiten, wenn die Umstände es erforderten,
fanden sich im Bugwaschraum alle drei Stationen gleichzeitig besetzt: während
einer hinter dem Plastik-Vorhang duschte und sich einer über dem Waschbecken
die Zähne putzte, pinkelte ein dritter ins Klo. Sie standen bei der
Verrichtung ihrer doch sehr unterschiedlichen Tätigkeiten dabei so
dicht beieinander, dass sie Obacht geben mussten, sich nicht gegenseitig
ins Gehege zu kommen.
Die Abendbrotzeit rückte heran, Backschafter
schleppten Brot, Wurst, Butter und Käse herbei, zu Ehren der Neuankömmlinge
gab’s auch eine Riesenportion Rührei. Die Neuankömmlinge futterten,
was das Zeug hielt, hatten die meisten von ihnen doch seit Tagen nichts
mehr aufgenommen sondern nur noch abgegeben. Das Rührei freilich war
eine Schummelpackung: Da sich die Besatzung bereits mehrfach beschwert
hatte, dass das Rührei immer farbloser würde, hatte der Smut
zu einer List gegriffen. Er mischte jetzt Teile gelben Vanillepuddingpulvers
unter und setzte gleichmengig etwas mehr Salz und Pfeffer zu, die Mannschaft
war’s zufrieden. Welche Schuld trug er, der Smut, auch an der zunehmend
blasseren inneren Beschaffenheit der von den schmuddeligen Märkten
neben der Werft besorgten baltischen Hühnereier!
Dann gab’s noch eine Überraschung,
zumindest was die gerade hinzugestoßenen Manschaftsteile anbelangt:
Aus den Bordlautsprechern erklangen deutsche Laute und deutsche Musik,
etwas verrauscht zwar wie einst Camillo Felgens Hitparaden bei Radio Luxemburg,
aber immerhin. Oberleutnant Ziesel, Erster Wachoffizier und Gehilfe des
Kommandanten, den Kommandanten im fernen Land vertretend, seit acht Monaten
und viel zu lange schon von Weib und Kind getrennt, hatte zu seinem Trost
und der Truppe Erbauung veranlasst, dass der Funker zu den gemeinsamen
Abendessen den Radioempfang auf deutsche Welle Köln einstellte und
über die Lautsprecher in die Decks leitete. Vor Wochen erreichte sie
über diesen Sender sogar ein Gruß aus der Heimat, West oder
Ost, das war ihnen allen in diesem Moment schnuppe. Gegrüßt
wurden die deutschen Matrosen, die seit Monaten schon mit ihren Booten
in baltischen Häfen lagen. Das fanden die Gegrüßten nobel
und toll. Für den Gehilfen des Kommandanten Ziesel allerdings gab‘s
diesbezüglich zu Hause ein disziplinarisches Nachspiel, welches den
mit all seinen Fasern dem Meer verschriebenen Seeoffizier von dieser Leidenschaft
befreite.
Eine Weile nach dem Abendbrot, die Gärgase
bedurften zu ihrer ausreichenden Entfaltung die chemisch bedingte Zeit,
kam es im winterlichen, stetig dunklen Tallinn nunmehr zu einer traditionsgewordenen
Theatervorstellung im Mannschaftsdeck. Offiziere und mehrheitlich auch
Unterführer wohnten den Aufführungen nicht bei, unternahmen aber
auch nichts dagegen. Zwei, wie sich im Verlauf der Zeit herausstellte,
besonders dafür geeignete Kandidaten ließen ihre Hosen herunter,
legten sich bäuchlings auf jeweils eine Koje und begannen dann mit
aller Raffinesse und der ihnen eigenen Kunst, ihre Darmluft in den Raum
auszustoßen. Bei jedem größeren dieser Schübe hielten
eigens bereitstehende Deckgenossen ein brennendes Streichholz an die Ausstoßstelle,
die Methan-Gase entzündeten sich unter lautem Gejohle, fuhren bläulich
empor und wurden flugs vermessen. Zunehmend verbreitete sich ein fürchterlicher
Gestank im Deck. Die Mannschaften benannten dieses Spektakel „Abfackeln“,
Obermaat Lehnert, Abiturient wie Holstein und Leiter der Raketenrechenzentrale,
bezeichnete den Klamauk als „geschmacklose atavistische Afterkunst“.
Die Erprobungen der neuinstallierten Waffensysteme
verliefen auch beim scharfen Schießen auf Luft- Seeziele erfolgreich,
drei Tage vor dem Heiligabend 1966 kehrten die Boote am Schlepphaken nach
Deutschland zurück, gerade noch rechtzeitig, denn zwei Tage später
war die Hafenzufahrt nach Tallinn restlos zugefroren, erst im Mai des Folgejahres
sollte die See wieder eisfrei sein.
II
Prorer Wiek, Frühsommer 1968. Nervenzerreißend
schrillte die Alarmglocke dreißigsekündig durch die Decks.
Gefechtsalarm! In den zur frühen Morgenstunde in sanfter Dünung
vor Anker liegenden Booten erwachte rasch emsiges Treiben. Die Freiwächter
sprangen von ihren Kojen in Stiefel oder Bordschuhe und zwängten sich
schnell aber geordnet durch die Decks und Niedergänge zu ihren Gefechtsstationen.
Holstein schwang sich hinter Lehnert den Niedergang abwärts ins Kombüsendeck,
schob Lehnert noch durchs Luk in die Raketenleitzentrale, verriegelte die
Vorreiber, öffnete das Schott zum Waffenleitstand, stülpte die
Kopfhörer über, schnallte das Kehlkopfmikrophon um und meldete
die Gefechtsstation an die Brücke besetzt. Noch während er die
Geschützaggregate der Bug- und Heckwaffe zuschaltete und die Waffenleitstation
hochfuhr, erreichten ihn über Kopfhörer die Meldungen seiner
beiden Artilleriegasten „Waffe gefechtsbereit, Gurte eingelegt!“. Nun folgte
ein kurzes Durchfahren der Systeme und Waffen, danach die Meldung an den
Kommandanten „Gefechtsstation 15 gefechtsbereit!“. Keine zehn Minuten waren
seit dem ersten Klingelton vergangen, die Handgriffe, hundertfach geübt
und längst in Fleisch und Blut übergegangen, saßen selbst
im Dunklen. In kurzer Folge meldeten nun auch die anderen Befehlsstände
und Gefechtsstationen ihre Gefechtsbereitschaft, Holstein verfolgte das
Ritual über die Sprechfunkanlage gelassen, nunmehr im dritten Dienstjahr
stehend und zur Abteilung der Schnellboote gehörend, die der operativen
Gruppe des Warschauer Vertrages im Ostseeraum zugeordnet war, jedes der
Boote aufgerüstet mit vier scharfen Raketen und jeweils eintausend
Schuss gegurteter Munition pro Schnellfeuerwaffe, gehörten für
ihn Gefechtsübungen wie diese zur handwerklichen Routine. Nicht mehr
lange, dann würde der Befehl zum Anlassen der drei jeweils viertausend
Pferdestärken beherbergenden schnelllaufenden Hauptmaschinen den Maschinenfahrstand
erreichen, Pressluft in die Zylinder gedrückt und die Maschinen hochfahren
lassen. Schon schrillte zwölf mal „Anton“ ins Deck, der Befehl zum
Ankerhieven. Die Boote formierten sich in Kiellinie, das Führungsboot
„Richard Sorge“ mit Holstein an erster Position, an Bord neben dem Abteilungskommandeur
auch der Brigadechef und Angehörige seines Stabes. Bald erreichte
die Abteilung freien Seeraum, von Osten stieg die aufgehende Sonne über
die
Kimm, die Maschinen liefen jetzt AK, drei mal zweitausendzweihundert Umdrehungen
pro Minute. Hoch schoben sich die Buge der Boote aus dem Wasser, die hinter
sich eine massiv aufschäumende Hecksee herzogen. Holstein starrte
auf den über grün fluoreszierendem Radarschirm rotierenden Elektronenstrahl,
reflektierende Ziele als Punkte, Striche und verwaschene Flecken darstellend.
Im wechselnden Turnus der Boote oblag ihm die erste Wache der elektronischen
Luftraumüberwachung. Zwei Stunden würde er nun angestrengt vor
der Station auf die grüne Elektronenstrahlröhre stieren, hin
und wieder ein Objekt mittels der Freund-Feind-Kennanlage abfragen, die
nicht als Freund ausgewiesenen Ziele dem Kommandanten melden. Und die Temperatur
im mit Röhren bestückten Geräten vollgestopften Waffenleit-Schapp
würde sich schon sehr bald auf weit über vierzig Grad Celsius
bewegen, der Schweiß würde wieder in Strömen über
Gesicht, Brust und Rücken fließen, selbst dann, wenn Holstein
befehlswidrig die Jacke mit der darin eingeknöpften Schwimmweste des
orangefarbenen Kampfanzugs-See von sich warf. Abgase der Dieselmotoren,
eingesogen von der Belüftungsanlage, und Gerüche aus der benachbarten
Kombüse würden zusätzlichen Leidensdruck erzeugen. Hoffentlich
stand diesmal nicht noch „Atomalarm“ im Manöverdrehbuch! Dann käme
als Krönung des Ganzen die für wenigstens eine Stunde aufgesetzte
Schutzmaske an die Reihe. Scheußlich, scheußlich! So sehr aber
die Gefechtsübungen auch allen zum Halse heraushingen, Holstein akzeptierte
sie am Ende unter dem Motto, welches seitens der Politoffiziere in Anlehnung
an die Erfahrungen der Sowjetunion im Großen Vaterländischen
Krieg stetig erneut gepredigt wurde: Wir müssen uns mit aller Härte
auf einen Krieg vorbereiten, der niemals stattfinden darf. Wenn doch, so
spart jeder Tropfen Schweiß in der Ausbildung Blutstropfen im Gefecht.
Die Boote hatten den zugewiesenen Übungsraum
Höhe Adlergrund inzwischen erreicht und sich dort mit den an der Übung
beteiligten Einheiten der Polnischen Seekriegsflotte und der Baltischen
Rotbannerflotte vereinigt. Geübt werden sollte die Zerschlagung eines
gegnerischen Landeverbandes, zuerst geführt durch Kräfte der
verbündeten Luftwaffen, danach die Schlagausweitung durch die Raketenboote
aus einer Distanz von etwa zwanzig Seemeilen, den Rest sollten dann mittlere
und leichte Torpedoschnellboote besorgen.
Die MIG’s erreichten den Übungsraum
ein Stunde später als geplant, Holstein hatte sie über Luftradar
erst sehr spät bemerkt, im Ernstfall wären er chancenlos gewesen,
bei Feindanflug rechtzeitig das Feuer zu eröffnen. Als die Jagdflieger
in geringer Höhe über die Boote ihrem Ziel entgegenfauchten,
fragte der Kommandant ärgerlich nach der ausgebliebenen Luftwarnung.
Es war aber längst ein offenes Geheimnis: direkt anfliegende Ziele
mit sehr kleiner Reflexionsfläche ließen sich erst auf dem Radarschirm
des Waffenleitsystems ausmachen, wenn sie sich schon so weit genähert
hatten, dass ihre wirksame automatisierte Bekämpfung nicht mehr möglich
war.
Der Kampfverband der Schnellboote formierte
sich erneut, abteilungsweise drehten die Boote in Dwarslinie, ihre schnellen
Körper glitten übers Wasser, die Abdeckungen der Raketenhangars
öffneten sich, vom sowjetischen Führungsboot kam das „nasch daloi!“,
die Befehle zum fiktiven Raketenstart wurden erteilt. Im Ernstfall würden
jetzt in kurz nacheinander abfolgenden Salven aus diesem maritimen Kampfverband
insgesamt achtundvierzig Raketen einer Schar tödlicher Raubvögel
gleich der feindlichen Gruppierung mit mehr als Schallgeschwindigkeit ihre
verderbenbringende Fracht entgegentragen und jener erhebliche Verluste
beibringen.
Während die Raketenboote bereits
abdrehten, rasten die Torpedoboote weiter in Richtung Ziel, sie würden
aus kürzester Distanz die Reste des Gegners zerschlagen müssen.
Holsteins Boot hatte die Luftraumbeobachtung
inzwischen dem Turnus folgend an ein Schwesterboot abgegeben, er schaltete
das Radar ab, die Anlage auf Bereitschaft und schälte sich aus dem
Kampfanzug. Zeit, eine in Ruhe zu rauchen. Er entleerte den bis zum Überlaufen
gefüllten, aus einem Waggon der Reichsbahn ab- und an den Geräterahmen
der Station angeschraubten Aschenbecher, steckte sich dann eine „F6“ an
und stieß die Stiefel von den Füßen. Sicher würde
man in der Auswertung zur Übung in wenigen Tagen wieder die gezeigten
Leistungen lobpreisen, zahlreiche Orden, Medaillen und sonstige Belobigungen
verteilen, obgleich die Jagdflieger wieder einmal zu spät kamen, obgleich
keines der den Luftraum überwachenden Boote die herannahenden Flieger
rechtzeitig ausmachen konnte. Kein besonders glaubwürdiger Anlass
zum immer wieder gepredigten bedingungslosen Vertrauen auf die sowjetische
Waffentechnik. Mit dieser hatte Holstein schon andere Erfahrungen gesammelt:
Vor Wochen tüftelte er an einer scheinbaren Unzulänglichkeit
der Waffenleitanlage, ermittelte den optimalen Zeitpunkt des ersten Feuerstoßes
auf anfliegende Luftziele so, dass diese genau in die sich entfaltende
Splitterwolke der abgefeuerten Geschosse stießen, bastelte dazu ein
Anzeigegerät, welches dem elektronischen Schützen genau diesen
Zeitpunkt vermittelte und reichte seine Überlegungen als Verbesserungsvorschlag
beim dafür zuständigen Offizier im Flottillenstab ein. Der reagierte
prompt und ablehnend: Wenn die sowjetischen Genossen, welche dieses Waffensystem
entwickelten, solcherart Anzeige für erforderlich gehalten hätten,
dann hätten sie eine solche auch beigestellt. Zwar stellte sich wenig
später heraus, dass die sowjetischen Genossen sehr wohl eine solche
Anzeige vorgesehen und beigestellt hatten, nur eben dem deutschen Bundesgenossen
unzureichend übermittelt und beschrieben. Holstein, in Unkenntnis,
hatte gewissermaßen auf anderen Wegen das Fahrrad zum zweiten Mal
erfunden. An der völlig absurden Begründung des Offiziers aus
dem Flottillenstabes tat dies in Holsteins Augen keinen Abstrich. Oder
waren die sowjetischen Kriegstechnik-Entwickler womöglich schon am
Ende des überhaupt erreichbaren wissenschaftlich-technischen Erkenntnisgewinnes
angelangt, und der den Verbesserungsvorschlag bearbeitende Flottillenoffizier
wusste von diesem höchst bedeutungsvollen, bislang geheimgehaltenen
Sachverhalt? Obermaat Lehnert jedenfalls, mit dem Holstein inzwischen eng
befreundet war, klopfte sich nur ohne Worte vielsagend an die Stirn, als
ihm Holstein die Begründung zur Ablehnung seines Vorschlages vortrug.
Wer, der Kluge? Ein halbes Jahr länger dienend als Holstein, kannte
Lehnert den schneidigen Eiferer noch, als dieser vor seiner Versetzung
in den Stab der Flottille als Artillerieoffizier der Raketenschnellbootsbrigade
fungierte. Der sei doch noch nie richtig zurechnungsfähig gewesen,
mutmaßte Lehnert und wusste sogleich kaum zu Glaubendes zu berichten.
Ein Mal, als junger Leutnant kurzzeitig selbst ein Raketenboot kommandierend,
befahl Kluge im freien Seeraum den beiden Artilleriegasten, unterstützt
vom hinzubeorderten ersten Hangargasten, das Buggeschütz auf das ihn
seiner Meinung nach zu dicht auffahrende Funkaufklärungsschiff der
Bundesmarine „Oste“ auszurichten. Da zu diesem Zeitpunkt die elektronische
Steuerung der Waffe nicht betriebsbereit war, ließ er die mechanischen
Verriegelungen des Geschützes entsperren und die eigentlich nicht
funktionstüchtige Waffe der Abschreckung halber mit Hand in Richtung
Gegner drehen. Diese deutlich überhöhte Auslegung des Schutzes
der Seegrenzen des sozialistischen Lagers kostete Leutnant Kluge seine
Kommandantenstelle. Ein anders Mal habe er sich während einer Beratung
vor FDJ-Funktionären sogar zur Aussage verstiegen, jeglicher Erfolg
des amerikanischen Mondlandeprogramms diene allein dem Imperialismus, deshalb
wünsche er allen Unternehmungen in diesem Sinne aus ganzem Herzen
ein Desaster nach dem andern, menschliche Opfer darin eingeschlossen. Für
diese, selbst den engagiertesten Mitgliedern der Politabteilung der Brigade
nicht ganz geheueren Bekundungen hatte man ihn zwar anschließend
derb Maß genommen, auch Leistungen us-amerikanischer Wissenschaftler
seien schließlich Leistungen der Menschheit insgesamt, es blieb aber
ein fader Geschmack. Der intelligente und listenreiche Brigadechef lobte
den Mann bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit weg, mochten
sich doch die Stabshengste vorn in der Flottille mit dem Blödian he-rumärgern.
Während die Boote auf Westkurs nördlich
der Insel Rügen der Ansteuerung Libben entgegenliefen, um in den Heimathafen
zurückzukehren, sinnierte Holstein im engen Waffenleit-Schapp vor
sich hin. Hin und wieder steckte der Smut seinen Kopf durch die Tür,
fragte nach dieser und jener Belanglosigkeit, ganz offensichtlich langweilte
er sich heftig in seiner Kombüse. Als es Holstein zu viel wurde, bedeutete
er ihm, doch lieber die Zeit nutzend seine Töpfe zu putzen. Er konnte
den immer etwas schmuddeligen und brutalen Obermatrosen nicht leiden. Vor
Antritt seiner Dienstzeit bei der Volksmarine hatte der Koch als Fleischer
in einem großen volkseigenen Schlachtbetrieb gearbeitet, dort muss
es rabiat zugegangen sein. In den Mittagspausen fingen sich die Metzger
regelmäßig eine der zahlreich umherstreunenden Katzen, dieser
zogen sie bei lebendigem Leibe das Fell über die Ohren, hängten
sie an einen Kranhaken und beschossen sie aus Katapulten mit Krampen. Die
Treffer der Schützen ließen sich eindeutig ermitteln und zuordnen,
denn die Katze kreischte, solange sie noch lebte, jedesmal laut auf. Der
Schützenkönig spendete einen Kasten Bier und eine Flasche Klaren,
das soffen sie am gleichen Tag noch während der Schicht aus. Als Holstein
davon hörte, drehte sich ihm der Magen um. Als kleinen Trost empfand
er es, als vor wenigen Wochen während eines routinemäßigen
Seetörns der Signalgast gemeinsam mit dem Rudergänger den großen
Topf völlig versalzener Tomatensuppe aus dem Mannschaftsdeck zurück
zur Kombüse schleppten und dem mit aufgerissenem Mund darin stehenden
Smut wortlos und vollständig zwischen die Füße schwappten.
Der Smut ließ ihn jetzt in Ruhe,
Holstein versank wieder in seinen Überlegungen. Das Jahr achtundsechzig
hatte es irgendwie in sich, es atmete schnelllebige politische Hektik,
ein Ereignis hetzte das nächste, auch die Besatzungen der Raketenboote
blieben nicht davon verschont, jedoch warfen die Ereignisse ihre Schatten
schon ein Jahr vorher voraus.
Zurückgekehrt aus dem fernen Tallinn
wurde Holsteins Raketenschnellboots-Abteilung anfangs 1967 zügig auf
den Einsatz im operativen System der Seestreitkräfte des Warschauer
Vertrages im Ostseeraum vorbereitet. Das schloss eine lange Werftliegezeit
im Frühjahr 1967 in der Marinewerft Wolgast ein, alle technischen
Systeme wurden gründlich überholt. Danach folgten jede Menge
Boots- und Abteilungsgefechtsübungen und das scharfe Raketenschießen
im Seeraum vor Baltisk, dem früheren Pillau. Holstein wurde zum Obermaat
befördert. Stolz antwortete er auf die Verleihung des heiß ersehnten
Winkels unter dem Maaten-Anker am linken Ärmel der Uniformbluse „Ich
diene der Deutschen Demokratischen Republik!“, jetzt gehörte auch
er sichtbar zum Kreis der altgedienten Garde.
Den recht turbulenten Jahresurlaub verbrachte
Holstein gemeinsam mit Lehnert und dem Bootsmann des Schwesterbootes im
Harz zur gleichen Zeit, da israelische Panzer im Sechs-Tage-Krieg den Sinai
überrannten. Täglich erwarteten sie im Urlaubsort den sofortigen
Rückkehrbefehl zur Einheit, doch der blieb aus. Mit Beginn des neuen
Ausbildungsjahres im Herbst 1967 übernahmen die Boote der Abteilung
Gefechtsraketen mit scharfen Sprengköpfen, rüsteten die Schnellfeuerwaffen
vollständig mit gegurteter Munition auf und wurden ins operative System
des Warschauer Paktes eingegliedert.
Bereits vor diesem Zeitpunkt ergossen
sich Mitarbeiter der Politabteilungen aller Ebenen wie Heuschreckenschwärme
über das Boot: Die Besatzung sollte für die gesamte Volksmarine
den Aufruf zum sozialistischen Wettbewerb des kommenden Ausbildungsjahres
einbringen, so lautet der Beschluss der Politabteilung der Flottille. Der
neue Kommandant, Kapitänleutnant Ziegler, sah’s mit zwiespältigen
Gefühlen. Einerseits war es noch nie vorgekommen, dass sich die Initiatoren
eines Wettbewerbs in diesem nicht auch als Sieger behauptet hätten,
dies verbunden mit jeder Menge vorzeitiger Beförderungen, Orden und
Prämien, andererseits war ein gewaltiger Haufen an polit-bürokratischen
Vorbereitungen, Verrichtungen und Abrechnungen damit verbunden. Das begann
bei der Erstellung der persönlichen Verpflichtungen eines jeden einzelnen
Besatzungsmitgliedes, erstreckte sich über die klangvolle Gesamtverpflichtung
des Bootes und mündete letztlich in den dann auch in allen einschlägigen
Zeitungen des Küstenbezirkes veröffentlichtem Anruf selbst. Versteht
sich von selbst, dass nach Aufruf aller Augen fortwährend auf den
Initiator gerichtet sind, die der missgünstigen Neider wie die der
eifernden Kontrolleure.
Damit auch alles von Anfang an in die
richtigen Bahnen geleitet werde, griffen die Polit-Profis der Flottille
mit hinreichend erprobten Instrumentarien ein. Über Wochen führten
sie Aussprachen mit der Mannschaft, mit den Unterführern und den Bootsoffizieren,
überarbeiteten vorgelegte Erklärungen, legten eigene, längst
vorgefertigte Entwürfe vor. Allmählich artete die stete Bearbeitung
in den wachsenden Unmut der Besatzung aus, man solle sie doch endlich mit
der permanenten Wortklauberei in Ruhe lassen. Ja, sie würden schon
alle mitziehen, um Wettbewerbssieger zu werden, aber bitte geht uns endlich
mit dem pingeligen Papierkram vom Acker! Die Bootsoffiziere konnten den
gestiegenen Ärger nur mit Mühe zügeln, letztendlich unterschrieben
sie alle die nur in Ansätzen noch ihrer eigenen Feder entstammenden
Verpflichtungserklärungen. Nachhaltig starrköpfig zeigten sich
der Obermaschinist und Holsteins zweiter Artilleriegast. Ersterer beteiligte
sich erst nach stundenlangem gemeinsamem Zureden durch Kommandant und Leitendem
Ingenieur an dem, wie er sich ausdrückte, „Panoptikum“, letzterer
wollte partout nicht davon abrücken, in seiner Verpflichtungserklärung
die Formulierung „ich will mit besten Leistungen im militärisch-kulturellen
Wettbewerb dem Signalgast, diesem arroganten Fatzken, beweisen, dass ich
genau so gut sein kann, wie er“ aufzugeben. Nein, nein, nein, so geht das
nicht! Persönlicher Ehrgeiz - schön und gut, reicht aber keinesfalls
für Vorhaben der geplanten Art. Politisch ehern fundamentierter Motive
bedarf es, „dem Sozialismus treu ergeben“ und ähnlicher. Es dauerte
geraume Zeit gepaart mit geduldiger Überzeugungsarbeit, den Artilleriegast
umzustimmen. Schwierig gestaltete sich die Sache auch mit dem Koch. Der,
wissend, dass es mit seinen Schießkünsten noch nie weit her
war, und er niemals, niemals auch nur im Traum den Sicherungsring einer
Handgranate ziehen würde, suchte verzweifelt nach Möglichkeiten,
dieses Manko auszugleichen. „Am besten, du verpflichtest dich, endlich
genießbares Essen zu kochen, dein Fraß hängt uns nämlich
langsam zum Halse heraus!“, schlugen eigennützig die einst vanillepudding-genasführten
Rühreiesser vor. Mit solchen Empfehlungen hingegen konnten die den
Prozeß gestalteten Politoffiziere nichts anfangen, wohlgeratene Klöße
und schmackhaft gegarter Schweinegulasch taugten nicht als Kampfmittel
in der Auseinandersetzung mit dem Weltimperialismus, voran die westdeutschen
Kriegstreiber. Man einigte sich mit dem Koch letztlich derart, dass er
sich zum Zeitpunkt des Schießens mit der Handfeuerwaffe und zum Handgranatenwerfen
möglicherweise im Urlaub befinden oder, was ja auch nicht ausgeschlossen
wäre, im Lazarett liegen könne. In ihrer von diversen Möglichkeiten
geprägten Voraussicht sollten die Politoffiziere Recht behalten: Der
Koch lag während der Schießübungen tatsächlich im
Lazarett, dies allerdings weder geplant noch gewollt und schon gar nicht
wettbewerbsfördernd. Während eines Umsteige-Aufenthaltes in Berlin
trieb es ihn in die Innenstadt, er kehrte in diversen Gasthäusern
ein und landete zu später Stunde in der Nachtbar „Kleine Melodie“.
Dort fiel er trotz seines deutlich wahrnehmbar unsicheren Gangs einer strammen,
allein sitzenden Blondine mittleren Jahrgangs ins Auge, die ihn nach ein
paar gemeinsamen Drinks mit zu sich nach Hause schleppte. Wie sie es verstand,
den vom massiven Alkoholgenuss völlig erschlafften Seemann wieder
standfest zu machen, blieb ihr Geheimnis, kein Geheimnis hingegen blieb
die sich alsbald nach Urlaubsrückkehr im Genitalbereich des Kochs
zeigende Erkrankung. Möglicherweise handelte es sich bei der die Leiden
des Schiffskochs verursachenden Dame auch nicht um eine stramme Blondine
mittleren Alters sondern viel eher um eine schmale Dunkelhaarige Anfang
Zwanzig, die vom Koch selbst dazu in mehren Varianten erbrachten Darlegungen
widersprachen sich in diesem Punkt nämlich auffällig. Dem traurigen
Endresultat der Urlaubsbekanntschaft tat dies jedoch keinerlei Abbruch.
Aber diese Geschichte trug sich erst im März des Folgejahres zu, da
waren der Mikulei, der militärisch-kulturelle Leistungsvergleich,
wie sie den Wettbewerb benannten, und seine unangenehmen Begleiterscheinungen
längst zur Routine verblasst, von weitaus bedeutungsvolleren politischen
Ereignissen in den Schatten gestellt.
Mit Wintereinbruch 1967 stellte Holstein
den Antrag auf Mitgliedschaft in der SED. Nicht ganz von selbst freilich,
es bedurfte dazu einer kurzen Aussprache, zu welcher der Politoffizier
der Abteilung, vor wenigen Wochen noch sein Kommandant, geladen hatte.
Allerdings auch ohne weitreichenden Überlegungen und Widerstände,
für Holstein war die Sache klar. Er, der Arbeiterschaft entstammend,
in einem vom proletarischem Geist beseelten Elternhaus aufgewachsen, mit
den Wirkungsprinzipien und Gesetzmäßigkeiten des dialektischen
und historischen Materialismus bestens vertraut, war sich gewiss: Der gesellschaftliche
Zwangslauf zum Sozialismus ist ein Gesetz gleich dem, dass ein in die Luft
geworfener Stein wieder auf die Erde zurückfällt, eine Umkehr
in die historisch überlebte Phase des Kapitalismus würde es nicht
geben, nicht in der DDR und nicht sonstwo im Machtbereich der sozialistischen
Staaten. Zur noch schnelleren, noch forcierteren Umsetzung der Staatsziele
bedurfte es allerdings einer Gruppe von Aktivisten, die sich mehr als alle
anderen bewusst und diszipliniert diesen Zielen unterordnete und hingab,
einen historischen Selbstlauf durfte es nicht geben. Holstein sah in der
SED diese Gruppe von Aktivisten, er wollte dazugehören.
Politoffizier Anders vernahm Holsteins
Einverständnis mit Freuden, ganz im Stillen meinend, mit diesem Fischzug
gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Zum einen, rein prinzipiell
gesehen, erhielt die sozialistische Massenpartei neuen Typus einen weiteren,
sowohl quantitativen als auch qualitativen Zuwachs, zum anderen verbesserte
er sein persönliches Punktekonto bei der Kanditatengewinnung, ein
wichtiger Aspekt am Beginn seiner neuen Laufbahnkarriere, und nicht zuletzt
hatte er Holstein jetzt neben der sowieso gegebenen militärischen
auch noch am Gängelband der parteiseitigen Disziplinierung. Doppelt
hält besser, bei Holstein schien das ab und zu erforderlich, allzu
leicht ließ der sich von gegebenen Umständen und Verlockungen
verleiten und geriet so auf dubiose Abwege. So geschehen erst im vergangen
Sommer:
Oberleutnant zur See Anders spazierte
eines Samstags Morgen den langen Weg aus seiner erst kürzlich am Wohnstandort
Dranske bezogenen Neubauwohnung zur Dienststelle, entlang der asphaltierten
Straße, welche die Dünen auf dem schmalen Land zwischen See
und Bodden schnitt, nach Passieren des Kontrollpostens vorbei an den Stabsgebäuden,
dann die Abkürzung Richtung Raketenpier nehmend durch das Wäldchen,
welches die Hafenanlagen von den rückwärtigen Einrichtungen trennte.
Der lange Marsch schien ihm notwendig aus dreierlei Erwägungen. Er
würde dazu beitragen, die im Ergebnis der freitäglichen Skatrunde
gewaltig aufgetürmten Kopfschmerzen durch Bewegung an frischer Luft
zu mildern, gleichzeitig entging er damit dem nicht grundlos finsteren
Blicken und Knurren seines Eheweibes. Mit der war auch aus andern Gründen
zur Zeit nicht gut Kirschen Essen. Eigentlich zur Oberstufenlehrerin ausgebildet,
hatte es sie nach der Hochzeit aus Schwerin in dieses Fischerkaff am Ende
der Welt verschlagen. Kein Kaufhaus, kein Theater, nicht einmal ein ordentliches
Kino, Arbeitsmöglichkeit auch nicht. Eine in den ehemaligen Bauarbeiter-Baracken
eingerichtete Schneiderstube sollte dem Arbeits- und Geselligkeitsdrang
der zahlreichen vom gleichen Schicksal betroffenen Offiziersgattinnen entgegenkommen.
Schneidern und Nähen aber war nicht jeder Frau Sache, Abwechslung
boten da eher die Arbeiter der seit geraumer Zeit im Umkreis tätigen
Erdölbohrtrupps, welche schon bald nicht nur nach Erdöl bohrten,
insbesondere dann nicht, wenn die Gatten der von Langeweile geplagten Damen
für Tage und Wochen zum Schutze der Republik die Meere befuhren.
Außerdem würde er, Politoffizier
Anders, ganz beiläufig in der Abteilung nach dem Rechten sehen, denn
wie hieß es doch schon bei Altmeister Lenin: „Vertrauen ist gut,
Kontrolle ist besser. “
Gerade als er die Gleise der Slipanlage
der Torpedoboote überquerte kam ihm mit straffem Schritt Proviantmeister
Vollmer entgegen und grüßte, was sonst eigentlich nie seine
Art war, überraschend zackig, so dass Anders, der sich heute auch
mit einem bürgerlichen „Guten Morgen“ begnügt hätte, vor
Überraschung für einen Moment regelrecht die Fasson verlor, stolperte
und fast der Länge lang hingeschlagen wäre. Vollmer gehörte
zwar zu den dienstältesten Unterführern, nicht aber zu den dienstgradhöchsten.
Irgendwann hatte er es auch einmal bis zum Obermeister geschafft, zur Zeit
trug er wieder die Bändermütze. Nein, eine wahre Freude war das
wahrlich nicht mit diesem disziplinlosen Menschen, als Proviantmeister
aber tip-top. Wo andere Abteilungen infolge Misswirtschaft Fadennudelsuppen
löffelten, standen bei ihnen noch immer Fleischtöpfe auf der
Back. Was hatte der aber heute, am Samstagmorgen, in der Einheit zu suchen?
Als Heimschläfer fuhr er normalerweise freitags bei Dienstschluss
nach Bergen und kehrte von dort erst montags zurück. Je mehr sich
Anders den Booten seiner Abteilung, die im doppelten Päckchen am Wohnschiff
in den leichten Wellen tänzelten, näherte, nunmehr in raschen
Schritten, desto stärker stellten sich mit schlimmen Anzeichen arge
Befürchtungen ein. Schon als er die Pier betrat, vermeinte er, lauten
Gesang zu hören, sozialistische Soldaten- und Kampflieder allerdings
nicht darunter. Das „Polenmädchen“ brach plötzlich abrupt ab,
dafür tauchten auf unsicheren Beinen nach allen Seiten wegtorkelnd
jede Menge Unterführer aus dem Wohnschiff auf, mit und ohne Mütze,
in den merkwürdigsten Kostümierungen. Er sah Lehnert, das rechte
Hosenbein bis zum Knie an der Naht aufgerissen, in der Brücke
eines Bootes verschwinden, glaubte auch Holstein zu erkennen, wie der kopfüber
im vorderen Luk auf der Back abtauchte. Zu allem Übel lief ihm noch
Maat Schneider direkt in die Arme, mit freiem Oberkörper, die Uniformbluse
zerknüllt unter dem Arm geklemmt, offensichtlich bar jeglichen Orientierungsvermögens
und aus allen Löchern nach Fusel stinkend. Maat Flämig, der Hilfe
anbietend herbeieilte, half ihm aus der misslichen Lage und übernahm
den Lallenden. Flämig schien von den augenscheinlichen Eskapaden der
Unterführer nicht betroffen, hatte freilich auch allen Grund dazu,
sich fürderhin auch nicht das geringste Vergehen zuschulden kommen
lassen. Aus bescheidenen Verhältnissen einer mecklenburger Landarbeiterfamilie
entstammend entschloss sich Flämig, gerade aus der Ausbildung kommend
in seiner ersten Dienststellung als Bootsmann installiert, zu einer Dienstzeit
als Berufssoldat. Kaum lag die Ernennungsurkunde vor, brachte es Flämig
zu unvorhergesehenem Reichtum, jedenfalls was den Unterschied zu seinen
Kameraden anbelangte. Beim Dudeln eines erst kürzlich gekauften Kofferradios
„Stern-drei“ putzte er ein gleichsam neuwertig erstandenes Motorrad, eine
zweihundertfünfziger MZ. Seine Decksgenossen sahen es mit Staunen,
hatten den Flämig plötzlich ein Lottogewinn oder eine völlig
unerwartete Erbschaft heimgesucht? Mitnichten. Bald schon brach der Krug,
der nur wenige Male, dafür aber um so heftiger zu Wasser ging
und offenbar wurde, was wirklich geschah: Flämig, in Erwartung wesentlich
höherer Dienstbezüge als dann tatsächlich erzielt, nahm
in Übermaß Schulden auf, um der materiellen Tristesse seines
bisherigen Seins zu entrinnen, Schulden gleich denen eines Majors. Als
seine Gläubiger, allesamt gleichaltrige Bewohner seines mecklenburger
Heimatdorfes, mit stärkerem Nachdruck, teilweise auch verbunden mit
bösartigen Drohungen, auf alsbaldige Rückzahlung drängten,
fertigte Flämig in seiner Not aus einem Stück Linoleum, welches
er geschickt mit entsprechendem Werkzeug bearbeitete, ein Kunstwerk, das
sich von dem Stempel der Deutschen Post, den die Postbeamten gewöhnlichwerweise
zur rechtmäßigen Abrundung getätigter Postsparbuchein-
und -auszahlungen nutzten, bei grobem Hinsehen nicht wesentlich unterschied.
In der Folge zahlte er denn, ohne die eigentlich dafür erforderliche
Aktivität eines dazu befugten Angestellten der Deutschen Post zu bemühen,
hurtig größere Beträge in eigner Zuständigkeit in
sein Sparbuch ein und besiegelte den Akt mit dem Linoleum-Stempel. Auszahlungen,
auch größeren, stand damit vorerst nichts im Wege, bis die zunehmend
negative Diskrepanz seines Kontos den Postbeamten in der Abrechnungsstelle
der Oberpostdirektion auffiel. Der zur Klärung des denkwürdigen
Sachverhaltes in die Oberpostdirektion nach Stralsund bestellte Bootsmann
Flämig täuschte in erster Instanz Unwissen und Erstaunen vor,
in der zweiten den Verlust seines Sparbuches, in der dritten gestand er
alles. Die Militärgerichtsbarkeit befand auf zwei Jahre Haft in der
Militärstrafanstalt Schwedt. Vor zwei Monaten nun kehrte Flämig
von dort zurück, vorfristig zwar, hatte dort aber immerhin mehr als
ein Jahr gebrummt. Nun war er vor Diensteifer nicht mehr wiederzuerkennen,
offenbar hatte man ihn in der Verwahranstalt gestrauchelter Armeeangehöriger
gewaltig das Fürchten gelehrt.
Dort, woher Anders vorhin Gejohle zu hören
glaubte, erscholl nun blechernes Dröhnen, begleitet von einem monotonen
Singsang. Anders stürmte den Niedergang aufwärts der Geräuschquelle
entgegen. Das Wohnschiff schien sonst wie ausgestorben, nur hier und da
schaute einer der mit dem samstäglichen Großreinschiff beschäftigten
Mannschaft um die Ecke, feixend, wie es Anders schien. Wo zum Himmel blieben
denn die Diensthabenden? Die Ursache des Lärms war nicht mehr zu verfehlen,
aus den Angeln gerissen hing die Tür zur letzten Kammer schräg
in den oberen Verkehrsgang, aus der Kammer entströmte ein alle Sinne
betäubender Gestank, der halbrunde Tisch lag von seinen Verankerungen
am Boden gerissen mitten im Raum, umgeben von Zigarettenresten, umgeschmissenen
Aschenbechern und jeder Menge leerer Schnaps-Pullen. Aus einem der verschlossenen
Spinde wummerten rhythmische Schläge gegen die Blechwand, dazu erklang
in kurzen Abständen der krächzende Ruf: „Nieder mit Polit!“ Wieder
und wieder und wieder. Der seinen Augen und Ohren noch immer nicht trauende
Anders verschaffte sich Zugang zum Spind, indem er die Tür dazu kurzerhand
aufzerrte. Mit völlig blödsinnigem Grinsen fiel ihm der Verwaltungsmaat
entgegen, und da Anders den schweren, absolut bewegungsunfähigen Trunkenbold
nicht halten konnte, schlug dieser auf den Boden. Wie es sich in den diesem
Exzess folgenden Untersuchungen herausstellte, lag die Ursache der Orgie
in des Proviantmeisters Vollmers erneuter Vaterschaft. Der hatte vom freudigen
Ereignis am Vortag erfahren und schon einmal ein paar Flaschen vom Hochprozentigen
organisiert. Der zunehmende Lärm, den der eigentlich kleine Kreis
geladener Gäste mit steigendem Alkoholpegel verursachte, lockte auch
eine Reihe Nichtgeladener an, die schleppten weitere Bestände diverser
Alkoholsorten herbei, so dass am Ende zwölf Mann fünfzehn große
Pullen leerten und dabei im engen Raum hemmungslos krakelten. Kurz nachdem
Vollmer das von ihm inszenierte Gelage verließ, meldete der den Verkehrsgang
bohnernde Matrose das Erscheinen des Politoffiziers. Die Meute stob auseinander,
allein der Verwaltungsmaat rührte sich nicht mehr von der Stelle.
So stopften sie ihn zu dritt kurzerhand in den nächstbesten Spind
und schlossen die Tür ab. Im trunkenen Hirn des Verwaltungsmaaten
hatten sich die Worte „Achtung, der Polit kommt!“ eingegraben, nun machte
er seinem aufgestauten Frust lauthals Luft.
Seit dem Sommer des Jahres 1966 war der
Genuss von Alkohol in den Kasernen und Einrichtungen der Nationalen Volksarmee
per Ministergesetz untersagt. Das dämmte dessen Verbrauch zwar erheblich
ein und trug damit auch zur rapiden Erhöhung der Gefechtsbereitschaft
bei, gänzlich zu unterbinden gelang die Sauferei in den Stuben und
Decks jedoch zu keiner Zeit.
Die Vollmersche Vaterschaftsfete mündete
in eine zweckdienlich angeordnete Abteilungsmusterung. Nach allgemeinen
Auslassungen betreffs Erhöhung von Disziplin und Ordnung durch den
Abteilungschef, jeder der Angetretenen wisse, was er meine, hieß
der ACH die Mannschaften wegtreten, dann hagelte es jede Menge Strafen,
je nach Maß der Beteiligung. Anstifter Vollmer verlor noch den Winkel
unter seinem Maaten-Anker, der ACH ließ es sich nicht nehmen, hier
selbst Hand anzulegen und ihn mittels einer Nagelschere genüsslich
grinsend zu entfernen. Der Verwaltungsmaat wurde zum Stabsmatrosen degradiert,
Maat Schneider erhielt zwei Tage Arrest, Holstein und Lehnert kamen mit
einem Verweis davon.
Um es gleich vorwegzunehmen, Holsteins
Parteieintritt änderte nichts an seinem Verhalten. Weder sein vorgesetzte
Stellen mit deutlicher Sorge erfüllender gar zu salopper Umgangston
mit Unterstellten, noch sein stets etwas zu lang gewachsener Haarschnitt,
schon gar nicht seine zu Zeiten recht gammelige Dienstuniform erfuhren
eine den Oberleutnant Anders zufriedenstellende Wendung. Auch schienen
Holstein, Lehnert und weitere Unbelehrbare trotz der eben am eigenen Leibe
erfahrenen drakonischen Maßnahmen nach wie vor klammheimlich dem
Alkohol zu frönen, und das nicht zu knapp.
Das Frühjahr 68, kurz nach dem mit
großem Propagandaaufwand im ganzen Land vorbereiteten und durchgeführten
Volksentscheid zur neuen Verfassung der DDR, bescherte Holstein eine Entscheidung,
welche sich mit einer zu diesem Zeitpunkt in keiner Weise vorstellbaren
Nachhaltigkeit in sein weiteres Leben einnistete. Holstein, zum Wachstand
zitiert, traf dort auf den Verbindungsoffizier des GA-7. Gefechtsabschnitt-Sieben
lautete in Anlehnung an die fünf regulären Gefechtsabschnitte
der Boote die Umschreibung für den militärischen Abwehrdienst,
welcher dem Ministerium für Staatssicherheit unterstand. Holstein
hatte den jungen Leutnant, der ihn in freundlich Empfang nahm, wohl schon
des öfteren an Bord der Boote gesehen, mit ihm zu tun dagegen noch
nichts. Letzteres sollte sich bald ändern, so jedenfalls, wenn es
nach dem Leutnant gänge. Holstein möge sich das Angebot reiflich
überlegen, nicht jeder käme in Frage. Genossen wie er aber, aus
der Arbeiterklasse stammend, Parteimitglied nicht der Karriere willen sondern
aus wahrer Überzeugung, vom gerechten Kampf für Frieden und Sozialismus
beseelt, intelligent und hochgebildet wären geradezu prädestiniert
für den ehrenamtlichen Dienst in den Reihen des MfS. Sicher, man säße
im richtigen Boot, der Weg in Richtung Sozialismus sei unwiderruflich eingeschlagen,
aber der Klassenfeind schläft nicht. Seinen geheimen Absichten zuvorkommend
bedürfe es eben auch der verdeckten Form des Klassenkampfes. Holstein
möge nur an Richard Sorge denken, dessen Namen sein Boot trägt.
Welches Leid, wieviele Opfer wären der Sowjetunion erspart geblieben,
hätte Stalin dessen Warnungen nur ernst genommen. Nun, die Lehren
daraus wären gezogen worden, nicht nur bei den sowjetischen Genossen.
Jetzt wäre die Entscheidung also an ihm, Holstein, im Sinne Richard
Sorges mitzukämpfen an der geheimen Front.
Holstein, so angesprochen, fühlte
sich geehrt. Außerdem hing ihm geraume Zeit schon der reguläre
Dienst an Bord zum Halse heraus, von der Einöde der nördlichsten
Landzunge Rügens ganz zu schweigen, er suchte nach neuen Herausforderungen.
Vielleicht ergäbe sich sogar die Möglichkeit, auf diesen Weg
die Volksmarine und Dranske zu verlassen und in der Kreis- oder Bezirksdienststelle
des MfS in seiner Heimatstadt zu dienen. Dann hätte sich auch die
noch immer offene, zunehmend drängendere Frage: „Wie weiter nach der
Fahne?“ ein für allemal erledigt. Was aber wäre konkret zu tun
als Kämpfer an der unsichtbaren Front?
Nun, er müsse nicht ins Niemandsland,
schon gar nicht auf gegnerisches Gelände, sein Kampffeld sei seine
gewohnte Umgebung. Stimmungen und Meinungen der Leute an Bord gälte
es zu analysieren, negative Verhaltensweisen aufzuspüren. Auch hinter
leisesten Tönen könne sich der Klassengegner verstecken. Aus
vielen Steinen wäre das Puzzle zu legen und zu erkennen. Man würde
sich in regelmäßigen Abständen treffen, nicht an Bord freilich
sondern an geschütztem Ort. Holstein solle dort seine gesammelten
Erkenntnisse darlegen und je nach Wichtigkeit zu diesem oder jenem Sachverhalt
eine schriftlichen Bericht anfertigen, unterzeichnet mit Decknamen versteht
sich. In Holsteins Vorstellungswelt vom Einsatz an der unsichtbaren Front
hatten sich solcherart Aktivitäten jedoch noch keinen Raum erschlossen.
„Das hört sich aber eher an wie Kameradenbespitzelung“,
entgegnete er deshalb dem Leutnant.
„Moment, Moment,“ wusste der seine Stellung
zu halten, „da wäre doch wohl ein kleiner Unterschied zu machen. Bespitzelung
von Kameraden im Kapitalismus, um diese der polizeilichen Willkür
des Regimes auszusetzen, ist doch wohl nicht gleichsetzbar mit vorbeugender
Aufklärungsarbeit zur Verhinderung von Gegnereinfluss oder Taten,
die dem Klassengegner direkt in die Hände spielen und extremen, nicht
wieder gut zu machenden Schaden am sozialistischen Aufbau anrichten. “ Holstein
möge sich doch nur die Vorfälle aus jüngster Zeit aus dem
eigenen Bereich ins Gedächtnis rufen.
Stimmt, da war einiges dumm gelaufen.
Die Geschichte mit dem gewaltsam gestörten Politunterricht in der
eigenen Abteilung zählte da eher zur Kategorie kindlicher Narreteien.
Blöderweise trug sich die Sache an einem Tage zu, da Holstein als
Diensthabender im Wachstand auf dem Oberdeck des Wohnschiffes Dienst schob
und somit im Rahmen der nachsetzenden Ermittlungen einen gehörigen
zeitlichen Aufwand nebst jede Menge Ärger auf sich zog. Er hörte
die zum Politunterricht in die Unterführermesse eingerückten
Maate und Obermaate der Schiffsstammbesatzung lärmen, dann war Stille,
offenbar hatte der Unterricht begonnen. Eine geradezu beängstigende
Stille allerdings. Nach etwa einer halben Stunde klappte leise eine Tür,
und Holstein sah einen nach dem anderen der Politeleven unbeschuht auf
Zehenspitzen die Messe verlassen, zuletzt den Funkmechaniker, Maat Hellmann.
Der huschte an Holstein vorbei aufs Oberdeck und warf etwas durch den geöffneten
Lüftungspilz in die darunterliegende Unterführermesse. Dann entschwand
er hastig, Holstein mit dem Finger auf dem Mund bedeutend, ja den Schnabel
zu halten. Rumms!, krachte es vernehmlich in der Messe, die Tür schlug
auf und blankes Entsetzen in den Augen stürzte der den Unterricht
haltende Schiffsingenieur, umhüllt von einer Wolke beißenden
Qualms, daraus hervor, bar jeglicher Worte. Der Schiffsingenieur, ein korpulenter
Korvettenkapitän mittleren Alters namens Krahnewinkel, gehörte
zu den, das war jedermann bekannt, eher bedächtigen Zeitgenossen.
Militärisches Gehabe war ihm fremd, dafür aber ein Fachmann wie
er im Buche steht, die dreifarbige Flachtaschenlampe stets am dritten Knopf
seiner Uniformjacke befestigt. Die Möglichkeit des explosiven Schabernacks
bestand im Wissen, dass der Korvettenkapitän, wenn zu fachfremdem
Unterrichtungen eingeteilt, sehr schnell den Faden aus der Hand legte und
Selbststudium anordnete. Während die zu Unterrichtenden mit sich und
den Lehrheften beschäftigt waren, zog es der Schiffsingenieur in aller
Regel vor, ein kleines Nickerchen zu tätigen. So geschehen auch diesmal.
Während der Korvettenkapitän leise vor sich hin schnarchelte,
verließen die Übeltäter unbemerkt den Raum und warfen die
Bombe, einen Silvester-Feuerwerkskörper. Die Ursache des Vorfalls
lag allerdings ein paar Wochen schon zurück: Krahnewinkel betrat als
Streifenoffizier, begleitet von zwei mit Maschinenpistolen bewaffneten
bulligen Stabsmatrosen, die Gastwirtschaft im Hotel „Deutsches Haus“ zu
Wiek. Wie immer war der Saal stickig verqualmt und zum Bersten voll, die
anwesenden Mariner gleichermaßen. Auf der Tanzfläche mühten
sich redlich vier einsame Pärchen, Takt zu halten. Krahnewinkel überschaute
die Menge und sah vorerst keinerlei Veranlassung, disziplinierend einzuschreiten.
Dieser und jener der Landgänger nickte dem allseits beliebten Offizier
zu. So verharrte Krahnewinkel, die beiden Streifenposten achtungsgebietend
hinter sich, gleich an der Tür neben dem kleinen Tisch, an dem wie
auch sonst immer einheimische Fischer lümmelten. Einen von diesen
muss korngesteuert der Hafer gestochen haben, denn plötzlich fasste
er mit der linken Hand dem Korvettenkapitän zwischen den Schritt und
kniff dort kräftig zu. Krahnewinkel verzog keine Miene, schaute von
oben herab auf den bedudelten Fischersmann, griff nach einem auf dem Tisch
stehenden Likörglas und goss dessen Inhalt ganz langsam über
dem Kopf des trunkenen Provokateurs aus, dass diesem die klebrige rote
Brühe über Augen, Nase und Mund bis zum Kinn lief, von welchem
sie dann auf das Hemd kleckerte. Die Musik erstarb sofort, die Pärchen
verschwanden von der Tanzfläche, wie auf Kommando standen sich sogleich
die gegnerischen Lager gegenüber, die betrunkenen Mariner rechts,
die betrunkenen Fischer links, die noch anwesenden wenigen Mädchen
machten sich in Kenntnis der nun folgenden Ereignisse flink aus dem Staube.
Es bedurfte keiner weiteren Reizworte, bald flogen die Fäuste, gingen
Tische und Stühle zu Bruch. Nun war es an Krahnewinkel zu ordnen.
Er tat dies mit der ihm eigenen Bedächtigkeit, sortierte mit sicherem
Griff aus dem Gewühl die Uniformierten heraus und ließ sie durch
die riesigen Streifenposten auf den vor dem Lokal stehenden LKW verfrachten.
Die machten nicht viel Federlesens mit den Trunkenbolden und schmissen
die besoffenen Brüder gleich über die hintere Bordwand. Ein paar
der solcherart unsanft Behandelten gehörten zur Schiffsstammbesatzung
und schworen Rache. Beistehen hatten sie dem Streifenoffizier wollen gegen
die lausigen Fischköppe, ihn helfend unterstützen, und dann diese
schäbige Behandlung! Das verdiente einen Denkzettel. So entwarfen
sie den Plan, Krahnewinkel in Feuer und Qualm zu hüllen, wenn er denn
zum nächsten Mal den ohnehin zum Ausreißen langweiligen Politunterricht
bei ihnen abhalten würde.
Oberleutnant Anders, der Politoffizier
sprach sogleich von einem höchst verdammungs- und bestrafungswürdigem
Vorkommnis, Krahnewinkel indes wiegelte ab: lass sie mal, die Jungs haben
in dieser vergessenen Ecke der Welt doch sonst kaum eine richtige Freude.
So erging an die Beteiligten lediglich eine deftige Standpauke, gehalten
vom Wohnschiffskommanden, sowie die Auflassung des Politoffiziers, einen
dem Thema des gestörten politischen Unterrichts entlehnten Aufsatz
zu schreiben, Unterthema: „Die Notwendigkeit politischer Erziehung und
Bildung in den sozialistischen Streitkräften“, handschriftlich und
eigenständig einzureichen bei ihm selbst, mindestens vier Seiten A4.
Wie gesagt, dieses Ereignis gehörte
eher zu den Narreteien, wohl kaum zu konterrevolutionären Umtrieben,
wenn auch der mißtrauische Politoffizier Anders wie immer imperialistische
Nachtigallen trappsen hörte.
Inwieweit der unbeabsichtigte Start einer
Gefechtsrakete mit scharfem Sprengkopf von einem Schwesterboot während
einer taktischen Übung im freien Seeraum vor Bornholm nicht doch beabsichtigt
war, ließ sich beweissicher nie ermitteln. Der dafür verantwortliche
Hangargast wurde vorsorgehalber auf ein Landungsschiff der 4. Flottille
nach Peenemünde versetzt. Wahr ist jedoch, nur das Starthilfstriebwerk
der Rakete hatte infolge einer versehentlich nicht gelösten Steckverbindung
gezündet, die eigentliche Treibladung und die Zielortungsautomatik
blieben ausgeschaltete, infolge dessen schlug der Marsch-Flugkörper
nach knapp 1000 Metern Flug ins Wasser. Nicht auszudenken, wenn auch der
die Rakete auf sicheren Zielkurs bringende Hauptstecker noch angeschlagen
gewesen wäre. Irgendein auf der Ostsee zu diesem Zeitpunkt kreuzendes
Objekt hätte seinen Bestimmungshafen nicht erreicht, wäre mit
Besatzung und Ladung ein Opfer des Kalten Krieges geworden. Einziger Geschädigter
des Vorfalls blieb so aber, sieht man vom Nervenzusammenbruch des Kommandanten
ab, der Signalgast des Bootes. Den hatte man wie immer bei solcherart eigentlich
gefahrlosen Übungen auf der Brücke außen belassen. Dem
überraschten Seemann schlug die Feuerlohe des Raketenschweifs ins
Gesicht, versenkte ihm Augenbrauen und Wimpern, verbrannte ihm Lippen und
die Haut über dem Nasenbein und schädigte sein Gehör dauerhaft.
Von Gegnereinfluss, Sabotage und ähnlichen vorschnellen Mutmaßungen
aber weit und breit keine Spur, ein menschliches Versehen wohl eher.
Schon ganz anders lag der Fall des Stabsmatrosen
aus Peenemünde, der während seiner Wache vor einem Landungsboot,
die restliche Besatzung tummelte sich derweil quietschvergnügt und
nichtsahnend zum Bordfest in den „Vier Jahreszeiten“ zu Wolgast, den Waffenschrank
erbrach, diesem zwei Pistolen und eine Maschinenpistole nebst jeder Menge
Munition entnahm und sich damit ausgerüstet auf den Weg ins Landesinnere
begab. Erst in Cottbus konnte der umfassend bewaffnete Fahnenflüchtige
von den zuständigen Sicherheitskräften gestellt und nach längerwährendem
Schusswechsel in Verwahrung genommen werden. Vor dem Militärgericht
outete sich der Vorgeführte als bekennender Freund der USA. Mit seinen
Taten habe er beweisen wollen, dass er fähig sei, an der Seite der
Amerikaner gegen den Vietkong zu kämpfen. Ein starker Tobak! Da musste
es doch schon vorher Anzeichen gegeben haben! Oder? Das sah Holstein auch
so.
Der dickste Hund aber passierte in der
eigenen Brigade. Gerüchte darüber, dass ganze Besatzungen samt
Boot gen Westen die Seiten wechseln wollten, kamen Holstein immer wieder
zu Ohren. In der Raketenschnellbootsbrigade zu Dranske, der gehätschelten
Speerspitze, der gepäppelten Elitetruppe der Volksmarine, wurde er
selbst Zeitzeuge solchen Geschehens. Lange schon rumorte es an Bord des
Schwesterschiffes. Die Offiziere, längst Heimschläfer in den
neu errichteten Wohnblöcken im einstigen Fischerdorf Dranske, überließen
die Bootsführung nahezu ausnahmslos den Unterführern. Die spielten
Lieber Gott und ließen die Puppen tanzen. Kalter Drill beherrschte
die Szene, der Motorenmeister hatte sich eigens eine Art Schürhaken
geschweißt, um die Spinde der Mannschaften bei Routinekontrollen
bis auf das letzte Bekleidungsstück effizient ausräumen zu können.
Kehrten die Unterführer samstags vom Sport in ihre während des
Großreinschiffs gerade frisch gebohnerten Kammern zurück, schmissen
sie noch vor Abnahme der Reinschiffstation durch den Diensthabenden ihre
dreckverkrusteten Schuhe und Klamotten hinein, duschten und patschten dann
barfüßig auf dem hochglanzpolierten Linoleum herum. Die kleinsten
Vergehen und Unachtsamkeiten der Besatzung führten zu schikanösen
Behandlungen übelsten Ausmaßes. Beschwerden wurden abgeschmettert,
die Beschwerdeführer hatten es anschließend doppelt so schwer,
ihre Urlaubs- ja sogar Landgangswünsche konnten sie für Wochen,
ja Monate vergessen. Die Offiziere sahen darüber hinweg, die Disziplin
an Bord erschien ihnen mustergültig. Den Schwelbrand sahen sie nicht.
Der erfasste nacheinander nahezu alle Mannschaftsdienstgrade. Gescharrt
um den Ersten Artilleriegasten, denkwürdigerweise zugleich Boots-FDJ-Sekretärs,
der, was das Unternehmen wesentlich begünstigte, zeitweilig auch über
die Schlüsselgewalt zum Waffenspind verfügte, schmiedeten zuletzt
elf Matrosen am Plan, den schlimmen Zuständen zu entrinnen. In den
darin konzipierten Methoden gingen sie nicht sonderlich zimperlich mit
ihren Peinigern um: Das Boot, welches an der diesjährigen Flottenparade
in Rostock-Warnemünde teilnehmen sollte, würde nach Abschluss
der Parade den ostwärts in Richtung Rügen ablaufenden Verband
unter Vortäuschung eines Maschinenschadens verlassen und dann, wenn
genügend Sicherheitsabstand gegeben, unter Führung der Verschwörer
versuchen, mit AK durch die Mecklenburger Bucht die Hansestadt Lübeck
zu erreichen. Zur Durchführung des Vorhabens bedurfte es freilich
der Ausschaltung sämtlicher Offiziere und Unterführer. Detaillierte
Vorgaben darüber, in welcher Weise die Führung des Bootes außer
Macht gesetzt werden sollte, wurden personenkonkret ausgearbeitet, den
Kommandanten plante man als Geisel vor die Rohre des Buggeschützes
zu binden. Jeglicher Widerstand sollte ohne zu zögern sofort und mit
allen Mitteln gebrochen werden, die Waffen dazu würde der Artilleriegast
bereitstellen. So weit, so gut. Die neuralgische Stelle des Planes bestand
in der Aufrechterhaltung einer so lang wie möglich glaubhaften, codierten
Funkverbindung zur Führung des den Heimathafen anlaufenden Verbandes.
Nach reiflichen Überlegungen der Verschwörer konnte nur der Funkgast
diese Aufgabe übernehmen, der aber galt bis dahin als ein der Bootsführung
durchaus loyal ergebenes Besatzungsmitglied und gehörte noch nicht
zum Kreis der Aufständischen. Nun galt es, ihn ins geheime Gespinst
einzuweben, viel Zeit jedoch blieb nicht mehr. Der Funkgast zögerte
erst, sagte dann sein Mittun zu und offenbarte sich letztens, von tiefen
Zweifeln und schier unglaublichen Ängsten zerrissen, der militärischen
Abwehr. Der weitere Verlauf der Geschehnisse unterlag der Routine der Sicherheitskräfte:
Das Boot wurde bereits im Vorfeld der Flottenparade nach Rostock-Warnemünde
kommandiert, vorgeblich um dort aus dem zentralen Ausrüstungslager
noch neue Flaggen, Fender, Leinen, Farben und andere seemännische
Gegenstände zu übernehmen. Der Kommandant teilte die nichts ahnende
Besatzung im Warnemünder Hafen in kleine Gruppen mit verschiedenen
Anlaufzielen auf, jeweils ein Offizier und ein Unterführer nebst drei
bis vier Mann Mannschaften strebten den genannten, weit auseinander liegenden
Stellen im Ausrüstungslager entgegen.
Bereitstehende Sicherheitsleute hatten
keine Mühe, die in die Fallen laufenden Verschwörer dingfest
zu machen. Ein Militärgericht verurteile sie zu insgesamt dreiundachtzig
Jahren Haft, die drei Haupträdelsführer jeweils zu mehr als zehn
Jahren. Direkte Beeinflussung oder gar Anstiftung und Führung durch
den Klassenfeind selbst konnten nicht ausgemacht werden, welch unermesslich
großer Schaden aber hätte entstehen können, wäre das
Vorhaben geglückt. Funk- und Codierunterlagen, Gefechtsfrequenzen
der Raketen- und Artillerieleitsysteme, der Raketen selbst, Mittel und
Methoden der elektronischen Freund-Feind-Kennung und jede Menge stinkgeheimer
Dokumentation wäre in des Gegners Hände gefallen mit Auswirkungen
bis hin in die Kommandozentralen der Warschauer Vertragsstaaten. So etwas
durfte und sollte nie wieder vorkommen! Holstein nickte dem Abwehr-Offizier
zustimmend zu.
Und Holstein möge sich der Situation
im eigenen Deck erinnern. Dort führte doch der Maschinenmaat politisch
das große Wort, nur eben nicht im Sinne der Partei der Arbeiterklasse,
und den hinterhältigen und kriecherischen Bootsmann hatte er dabei
auf seiner Seite. Genau, der Maschinenmaat war ein übler Kerl! Angeblich
kurz vor dem Abitur wegen politischer Witze von der Oberschule gefeuert
hatte er anschließend eine zweijährige Lehre zum Kraftfahrzeugschlosser
abgeschlossen und sich aus welchen Erwägungen auch immer zu vier Jahren
Dienstzeit in der Volksmarine verpflichtet. Weiß der Himmel, welcher
Zufall ihn zu den Raketenbooten versetzen ließ, zu der Truppe, die
eigentlich mehrfach und immer wieder hinsichtlich ihrer politischen Zuverlässigkeit
durchsiebt wurde. Nun, absolut sicher, wie man im Fall des Entführungsversuches
eines Raketenbootes sieht, arbeiteten die Siebe auch nicht, bei Maschinenmaat
Vogler allerdings lagen die Fakten auf der Hand: Die Bibel plazierte er
für jedermann sichtbar neben seiner Koje. Er argumentierte nicht verdeckt,
stellte seine Überlegungen frank und frei in den Raum, unbedacht dessen,
wer gerade anwesend war. So dauerte es nicht lange, da lag er mit Lehnert
und Holstein in einem permanenten politischem Streit. Fachlich ein Spezialist
allerbester Güte verfügte Vogler zudem über eine außerordentlich
hohe Intelligenz und ein breites Allgemeinwissen. In seinem Verhalten gegenüber
Unterstellten dagegen konnte er ein regelrechtes Tier sein, immer wieder
mussten seine Ansätze zum ungerechten Drill abgebogen oder gemildert
werden. Rein menschlich gesehen erschien er vielen ungenießbar, was
nicht nur an seinem ungepflegten Äußeren lag, zuweilen pflegte
er sogar, sich zur Nacht ohne jegliche Waschung im Arbeitsanzug in die
Koje zu packen. Vogler würde im kommenden Herbst zwar schon zur Entlassung
anstehen, eine Längerverpflichtung seinerseits war kaum zu erwarten,
bis dahin konnte er, so er nur wollte, noch erheblichen Schaden anrichten,
nicht allein in den Hirnen seiner Mitstreiter. Vorsicht und Überwachung
schienen auch hier also dringend geboten. Klarer Fall, stimmte Holstein
dem Abwehroffizier zu.
Zum weiteren, Holstein wäre die außenpolitische
Situation sicher nicht fremd, stünde der Sozialismus in der benachbarten
CSSR auf dem Spiele, Einflüsse daraus auf die DDR und ihre Streitkräfte
nicht ausgeschlossen. Wie man sieht, spitzt sich der internationale Klassenkampf
an allen Fronten zu, der geheimen nicht ausgeschlossen. Der Volksentscheid
zur Verfassung hatte es zwar klar und eindeutig gezeigt, die Bevölkerung
der DDR bekennt sich nahezu abstrichlos zum ersten sozialistischen Friedensstaat
auf deutschem Boden unter Führung der marxistisch-leninistischen Partei,
jedoch auch in Holsteins Elite-Einheit gibt es Gegner des sozialistischen
Weges, nicht viele, aber immerhin. Auch das hatten die Abstimmungen zum
Volksentscheid gezeigt. Deren potenzielles feindliches Wirken galt es,
schon im Vorfeld aufzuklären und dadurch zu verhindern.
Nichts zu deuteln, wie die Dinge jetzt
aufbereitet vor ihm lagen, sah Holstein keinen Grund mehr, den Fakten,
Argumenten und Werbungen des Abwehroffiziers länger zu widerstehen
und verpflichtete sich zur inoffiziellen Mitarbeit für das Ministeriums
für Staatssicherheit. Er war nunmehr trotz anfänglichen Zögerns
von der Notwendigkeit dieser Entscheidung felsenfest überzeugt. Solange
die Welt nicht befreit war vom Grundwiderspruch jedweder menschlichen Moral,
der sich darin manifestierte, dass es infolge gegebener Besitzverhältnisse
Einzelnen, Familien oder Interessengruppen möglich war, sich die Arbeitsergebnisse
anderer unentgeltlich anzueignen, dieser Umstand sogar als prinzipielle
gesetzliche Rechtsgrundlage fest verankert lag, solange werden sich auch
die Kräfte, die gegen diesen Widerspruch ankämpfen, genötigt
sehen, in diesem ihren Kampf zu ihnen eigentlich wesensfremden amoralischen
Mitteln greifen zu müssen.
„Im übrigen, mein Lieber,“ rundete
der Abwehr-Leutnant die skeptischen Einwände Holsteins ab, „im übrigen
gibt es eigentlich gar keine klassenindifferente Moral. Schau sie dir doch
an, die bürgerlichen Moralapostel. Ich kenne die Weise, ich kenne
den Text, Heinrich Heine, bekannt. Mädchenhandel, Prostitution,
Drogenkonsum in zunehmendem Maße, selbst in den Hochburgen kapitalistischer
Kulturlandschaften, ganz abgesehen von deren völlig verwahrlosten
Hinterhöfen in der dritten Welt. Moral? Fünfhundert Prozent
Profiterwartung – es gibt kein Gesetz der Welt, welches sie nicht in den
Boden stampfen, so sinngemäß Marx im Kapital. Erst wenn wir
dieses Pack endgültig vom Erdboden gefegt haben, werden wir uns auch
solch edlen Problemen wie der Moral mit aller Konsequenz zuwenden können. “
Holstein klang’s ein wenig nach „Aug‘
um Auge, Zahn um Zahn“ beziehungsweise „Right or wrong – my country“, er
stand eher dafür, die Niederlage des Kapitalismus im Weltmaßstab
bereits jetzt schon auch mit der Waffe einer fortschrittlichen, dem Menschen
zugewandten Moral herbeizuführen, ein paar Körnchen Wahrheit
vermeinte er dennoch aus den Worten des Leutnants herauszuhören, so
fügte er sich.
In der Folgezeit überbrachte Holstein
dem Verbindungsoffizier regelmäßig in monatlichen Abständen
zu vereinbarten Treffpunkten die Stimmungs- und Meinungslage an Bord, die
des Maschinenmaates im Besonderen. Anfangs empfand er dabei höchstrevolutionäre
Wichtigkeit und abenteuerliche Abwechslung: Die Treffen mussten mit sicheren
Legenden während seiner Abwesenheit von Bord belegt, der Treffpunkt
unerkannt an- und abgelaufen werden. Das hatte etwas vom Räuber-und-Gendarmen-Spiel
der Kinderzeit an sich, der Hauch der Kundschaftertätigkeit Richard
Sorges schwebte zudem über allem.
Bald aber verlor das Spiel seinen Reiz,
vor allem nach der Versetzung des Maschinenmaates Vogler in die Reserve.
Berichte zu schreiben über Alkoholmissbrauch, unerlaubte Landgangs-
und Urlaubsüberschreitungen, politische Witze und Albernheiten, Dinge
also, die ihm selbst nicht fremd waren, fiel ihm zunehmend schwerer, zumal
der vorher gegenständlich fassbare Gegner Vogler nun einer mehr oder
weniger anonymen Menge gewichen war. Insbesondere dem seitens der Polit-
und Abwehrorgane geführten Kampf gegen die sogenannte EK-Bewegung
konnte Holstein keinen tieferen Sinn abgewinnen. War es denn wirklich ein
Vergehen, wenn sich Mannschaften wie Unterführer nach fast drei- oder
vierjähriger Dienstzeit, unter den steten Anstrengungen allgemeiner
Gefechtsbereitschaft nur alle drei bis vier Monate in Urlaub fahren dürfend,
in der end- und freudlosen Einöde rügenscher Landschaften, dies
zumal unter den langen herbst- und winterlichen Bedingungen, eingesperrt,
auf ihre Entlassung ins zivile Dasein freuten und dieser Freude offen Ausdruck
verliehen? So etwas hatte es beim Militär zu allen Zeiten gegeben
und würde es immer geben. Nein, Holstein ließ es sich nicht
im Traum einfallen, Berichte abzuliefern über Besatzungsangehörige,
die ihre Bandmaße in Maskottchen steckten und Tag für Tag davon
einen Zentimeter abtrennten. Bei einem, der über sehr gute Beziehungen
zum zentralen Bekleidungs- und Ausrüstungslager verfügen musste,
hatte er das Bandmaßende gar aus einem Admiralsschulterstück
lugen sehen, der Mensch hatte ganz offenbar einen besonderen feinen Sinn
für Humor. Sollte die Offiziere, die da meinten, eifernd Jagd auf
die EK-Maskottchen machen zu müssen, dies tun. Den Erfolg ihrer sie
selbst am meisten aufregenden Unternehmungen konnten sie allmorgendlich
vor ihren Diensträumen sehen: Je mehr sie gleich Oberleutnant Anders
am Vortage jagten, desto größer wuchsen vor deren Kammertüren
am folgenden Morgen die Haufen abgeschnittener Bandmaßschnipsel.
Alsbald zerschlugen sich auch Holsteins
Vorstellungen, eventuell über diesen Weg den vorzeitigen Absprung
vom fernen Dranske in seine Heimatstadt zu schaffen, das war so seitens
der Abwehrleute auch keinesfalls vorgesehen, Holsteins Dienste in ihrem
Sinne waren am Standort Dranske gefragt und nicht irgendwo in Sachsen.
Holstein, konzentrierte sich in seinen
Berichten an den Verbindungsoffizier des MfS, deren zeitliche Abstände
er von Mal zu Mal weiter auszudehnen verstand, mehr und mehr auf die Beschreibung
technischer Mängel und allgemeiner Unzufriedenheiten. Er arbeitete
ehrenamtlich für die militärische Abwehr des MfS in der 6. Flottille
bis zu seiner Versetzung in den administrativen Dienst des Militärbezirkes
IV zunehmend zwiespältig. Seine Überzeugung von der Notwendigkeit
verdeckter, vorbeugender Aufklärung zum Schutze sozialistischer Errungenschaften
und Zielstellungen einerseits verband sich mit der Ablehnung der zunehmend
geforderten allseitigen und permanenten Rundumbeobachtung. Einmal, spätabends
schon, begegnete Holstein auf dem Weg zum vereinbarten Treffpunkt auf dem
Schleichweg durch den Wald Lehnert, sollte der eventuell auch? Er sollte.
Im Verlaufe seiner Dienstzeit bei der
Volksmarine und aus Erkenntnissen danach wurde Holstein deutlich, dass
sich der Anteil der inoffiziellen Mitarbeiter des MfS dem völlig überspitzten
Sicherheitsdenken der Partei- und Staatsführung folgend in den Besatzungen
der Boote stetig erhöhte, gelegentlich belauschten sich die Erben
des Kundschafters Richard Sorge gegenseitig. Genutzt hat der maßlose
und zumindest aus dieser Sicht zutiefst unmoralische Überwachungsaufwand,
wie wir inzwischen wissen, nichts.
Die Monate des achtundsechziger
Jahres zogen weiter ins Land, und die politische Lage in der verbündeten
CSSR schien aus allen Fugen zu geraden. Keine Woche verging, in der nicht
wenigstens ein Meeting unter Leitung eines Politoffiziers der Flottille
zur Bewertung der Ereignisse im Nachbarland stattfand, sie drückten
sich geradezu die Türklinken in die Hand. Obermaat Lehnert, von einem
Kurzurlaub aus Prag zurückkehrend, wusste von schier Unglaublichem
zu berichten: tagtägliche Umzüge von Menschenmassen, darunter
Armeeangehörige in erbarmungswürdiger Anzugsordnung, Plakate
und Schmierereien dubiosesten Inhalts an allen Wänden, ein Sänger,
der Karel Gott hieß und sich offenbar für Gott hielt, allerorten
zum Volkshelden stilisiert. Die Gefahr lag auf der Hand: Nicht nur
Millionen Menschen sollten vom sozialistischen Weg abgedrängt werden,
in das an seiner Westgrenze geschlossene sozialistische Verteidigungsbündnis
würde eine strategische Schneise bis hin zur Ukraine geschlagen. Nimmer
dürften die verbündeten Streitkräfte dem tatenlos zustimmen!
Die steten Botschaften der Flottillen-Agitatoren
fanden zunehmend offenes Gehör, immer mehr der Besatzungsangehörigen
aller Boote sahen keinen anderen Weg als die präventive Verteidigung
des Sozialismus in der CSSR und äußerten sich demgemäß.
Zwar wurden diese Bekundungen vorerst noch durch die Propagandisten der
Flottille milde zurückgewiesen, keinesfalls könne militärischer
Einmarsch ein gängiger Weg zur Beilegung der Krise sein, im Bewußtsein
der Truppen aber verankerte sich die Überzeugung vom notwendigen Schutz
des Sozialismus in der CSSR, auf welchem Wege auch immer. Die geistige
Plattform für die Operationen des Warschauer Paktes im August des
gleichen Jahres war gelegt und festigte sich zusehends.
Heiß strahlte dann wochenlang die
Sommersonne über die Küstenregion. In den Strandgaststätten
wimmelte es von Matrosen in ihren weißen Ex-Blusen. Unablässig
stampften sie bis tief in die Nacht mit den alle vierzehn Tage wechselnden
braungebrannten Urlaubermädchen La Bostella, die neueste Kreation
menschlichen Ausdrucksgebahrens. Holstein indes verliebte sich in den ersten
Augusttagen in eine schwarzhaarige Schlanke aus Bitterfeld, gerade fertig
mit dem Abitur, die Zulassung zum Chemiestudium an der Merseburger Hochschule
bereits in der Tasche. In den nächtlichen Dünen schmusten sie
und schmiedeten Pläne, in der Nacht vor ihrer Abreise lagen sie bis
zum Morgengrauen am Strand. Schon im nächsten Urlaub würde er
sie in Bitterfeld oder Merseburg oder sonstwo auf der Welt besuchen, Seemannsehrenwort.
Vorerst aber hieß es Abschied nehmen
und schleunigst zurück an Bord. Bis zum Wecken um sechs Uhr musste
er das Boot erreicht haben, bis dahin verblieben noch knappe zwei Stunden.
Der erste Linienbus fuhr erst halb sieben, das war zu spät, ein Streifenwagen,
der sonst um diese Zeit noch diesen und jenen der Dienststelle entgegenhastenden
oder im Straßengraben tief schlafenden Landgänger aufsammelte,
weit und breit nicht in Sicht. Auf der Landstraße kurz vor Altenkirchen
hielt ein Bäckereilieferwagen und nahm ihn mit bis zur Abzweigung
Wiek, von dort waren es dann noch etwa zehn Kilometer, er würde zu
Fuß diese Strecke auf keinen Fall rechtzeitig in der zu verfügbaren
Zeit schaffen, und es würde diesmal Ärger geben, mächtigen
Ärger. Zweimal schon war in den zurückliegenden Tagen zu spät
von Land gekommen, aus bekanntem Grund. Beim ersten Mal hatte Ziegler,
der Kommandant, schmunzelnd mit dem Finger gedroht, beim zweiten Mal bedenklich
die Stirn gekraust und eine deutlich vernehmbare Verwarnung ausgesprochen,
jetzt kam er um eine Bestrafung wohl nicht mehr umhin. Na gut, meinetwegen,
der Sommer ist sowieso bald gelaufen, und das nächste Ziel liegt in
Bitterfeld. Holstein hastete durch die Straße in Dranske, vorbei
an den Neubauten für die Heimschläfer. Merkwürdig, keine
Seele, ein paar frühe Fischer an der Räucherei, aber keine Mariner
zu sehen. Schweißgebadet erreichte er eine halbe Stunde nach dem
regulären Wecken die Torkontrolle und sah mit höchster Verwunderung
diese vollständig von spanischen Reitern und anderen Stacheldrahtverhauen
eingerahmt. Auf dem Dach des flachen Wachgebäudes war ein schweres
Maschinengewehr in Anschlag gebracht worden, Gurte eingelegt, der Posten
am Tor in Felddienstuniform mit Stahlhelm bewehrt. Bevor Holstein den Dienstausweis
aus dem Brustbeutel nesteln konnte, stürzte schon der diensthabende
Offizier aus der Tür zum Wachgebäude und herrschte ihn an: „Sehen
Sie ja zu, dass Sie zu Ihrer Einheit gelangen, und das Ganze im Laufschritt,
wenn ich bitten darf! Seit heute morgen vier Uhr haben wir in der gesamten
Flottille Gefechtsalarm, und das ist keine Übung! Ab jetzt, zack,
zack!“
Holstein stopfte den Dienstausweis in
den Brustbeutel zurück, klemmte sich die Bändermütze unter
den Arm und setzte sich in Richtung Hafen in Trab. Ungeheuerliches musste,
während er mit Grit in den Dünen lag, in der Nacht geschehen
sein, denn was er unterwegs sah, verhieß Krieg. Die wenigen Armeeangehörigen,
denen er begegnete, waren allesamt hoch gerüstet, selbst die sonst
so flotten Militärkraftfahrer trugen Stahlhelm und MPi, die Magazine
offensichtlich prall gefüllt. Er stolperte total erschöpft über
die Baumwurzeln der Schleichwege im Wäldchen und blickte an der Torpedoslipanlage
mit höchster Verwunderung über den leergefegten Hafen. Nur die
leichten Torpedoboote tümpelten noch in ihren Päckchen, die Besatzungen
jedoch im orangefarbenen Kampfanzug vollständig an Bord. Ein paar
Hilfsschiffe und die Abteilungswohnschiffe sah Holstein verstreut, wie
vergessen an ihren Liegeplätzen festgemacht. Selbst die 25-Millimeter-Waffen
der Hilfsschiffe waren gefechtsmäßig besetzt und schwenkten
ihre Rohre drohend aufwärts. Holstein schlich sich an Bord seines
Abteilungswohnschiffes und lief dort dem Funkmechaniker in die Arme. Der
zerrte ihn in die Funkwerkstatt.
„Mann, Holstein, du hast vielleicht Nerven!
Sie suchen dich schon seit über zwei Stunden! Wie siehst du denn überhaupt
aus? Solltest dich mal im Spiegel sehen: Über und über mit Knutschflecken
bepflastert, deine Ex-Bluse und die Hose total versaut! Schwanz verbrannt,
die Nutte kichert – na hoffentlich allianzversichert. Weißt du nicht,
was los ist? Die Russen sind in der Nacht in die Tschechei einmarschiert,
mit Panzern, Hubschraubern, Kampffliegern und allem Drum und Dran. Polen
und Bulgaren wohl auch, richtig dicke Suppe also. Alle Boote sind raus
zu den Bereitschaftsräumen, deines nicht, da hast du Schwein, das
liegt mit Maschinenschaden an der Pier gegenüber. Sieh zu, das du
an Bord kommst. “
Holstein umrundete noch einmal den Hafen
und meldete sich mit einer genuschelten Entschuldigung beim Kommandanten
verspätet vom Landgang zurück. Der hatte momentan andere Sorgen,
versprach ihm aber, sich, so er den Kopf wieder frei hätte, gebührend
der erneuten Verspätung zu widmen. Diesmal würde Holstein aber
nicht mit einem blauen Auge davon kommen, auch versprochen. So etwas müsste
man ja schon als nachhaltige Bösartigkeit ansehen. Holstein
zerrte sich die verschmuddelte Ausgangsuniform vom Leibe, den Kampfanzug
über, schlich sich zum Waffenleit-Schapp und legte sich hundemüde
auf den Gummimatten nieder. Er sank dort in einen bleiernen Schlaf und
verblieb in diesem traumlos und ungestört bis in die frühen Nachmittagsstunden.
Das Datum im Bootstagebuch verwies auf
den 21. August 1968.
Obermaat Gert Holstein unterzeichnete
am Nachmittag des selbigen Tages eine Dienstverpflichtung in der
NVA für insgesamt zehn Jahre. Es wäre unsinnig, ihm zu unterstellen,
er hätte dies allein aus purem sozialistischem Patriotismus getan.
Vielmehr spielten eine nicht geringe Anzahl diesen Schritt begünstigende
Faktoren eine erhebliche Rolle. Zum einen wurde ihm angeboten, die gerade
frei werdende Planstelle des Funkmessmechanikers, verbunden mit der sofortigen,
vorzeitigen Beförderung zum nächsthöheren Dienstgrad zu
übernehmen. Das hatte einerseits eine bedeutende Steigerungen seiner
momentanen Dienstbezüge zur Folge und verschaffte ihm anderseits genügenden
Spielraum, sich Gedanken über die „Zeit nach der Fahne“ zu machen.
Sollte die Sache mit Grit, der Bitterfelderin, wie es aussah in feste Bahnen
kommen, könnte er während ihres Studiums die familiäre Finanzierung
sicherstellen, danach umgekehrt. Auch bei dieser erneuten Dienstverpflichtung
aber gilt: Sie hätte es auf keinen Fall gegeben ohne seine prinzipielle
Überzeugung von der Lebens- und Verteidigungswürdigkeit des sozialistischen
Vaterlandes.
Gar bald jedoch zerstoben die Vorstellungen
dauerhafter Beziehungen nach Bitterfeld, der Briefwechsel von dort und
nach dahin kam zum Erliegen, die Liebe auch. Holstein versah als Radarmechaniker
für die nächsten zwei Jahre seinen Dienst in der Schiffsstammbesatzung
der Abteilung und kehrte dann als zweiter Wachoffizier an Bord eines Raketenbootes
zurück. Versuche der Kaderabteilung der Flottille, ihn für die
fünfundzwanzigjährige Offiziersdienstzeit zu gewinnen, wies Holstein
zurück, ten years enough. Im Frühjahr 1973, mittlerweile verheiratet
und Vater eines einjährigen Sohnes, verließ Holstein ohne jegliche
Wehmut die Volksmarine für immer. Aus familiären Gründen
hatte er für die Zeit seiner verbleibenden beiden Dienstjahre um die
Versetzung zum Wehrkreiskommando seiner Heimatstadt ersucht, was ihm nach
einigem Hin- und- Her gewährt wurde. Die Worte, die ihm sein letzter
Kommandant als Widmung in den als Abschiedsgeschenk der Besatzung überreichten
Bildband Rügens schrieb, hätte Holstein zu jeder Zeit, auch noch
heute, gegen alle Orden und Medaillen eingetauscht, die ihn im Laufe der
Zeit zugesprochen wurden. In der wie stets gestochenen Handschrift des
Kapitänleutnants Ziegler ist zu lesen: „In Anerkennung für Ihre
Anstrengungen und Verdienste im Interesse einer hohen Einsatzbereitschaft,
für Ihre Zuverlässigkeit und Kameradschaftlichkeit. “
Maat Pohler, Holsteins einstiger Trink-
und Zimmergenosse während der Maatenausbildung in Stralsund-Parow,
rutschte nächtens von der vereisten Stelling, als er vom Landgang
auf sein in der Peenewerft Wolgast zur Überholung liegendes Schiff
zurückkehrte. Man fand ihn im nächsten Februar, als das über
Winter tief zugefrorene Hafenbecken die aufgedunsene Leiche freigab.
Obermaat Eibner, der vor Jahren in der
Maatenausbildung dem Kompaniechef jede Menge Bierflaschen vor die Füße
rollte, fuhr als Funkmeßmaat auf dem Torpedoschnellboot, welches
im Herbst 1968 kurz vor der Aufhebung der erhöhten Gefechtsbereitschaft
im Rahmen einer Aufklärungsmission ausgangs der Kieler Bucht vor Anker
lag. Im dichten Nebel lief das Fährschiff der einer skandinavischen
Linie auf das Torpedoboot auf, welches backbordseitig leckgeschlagen kenterte
und kieloben binnen weniger Minuten sank. Eibner und der Funker, die sich
beide eine Gefechtsstation teilten, hatten keine Chance. Als das Boot gehoben
wurde, fand man sie in einer Luftblase erstickt, nackt und fest umschlugen.
Mit den beiden jungen Seeleuten starben vier weitere, zumeist vom Aufprall
zerquetscht oder ohnmächtig in der See liegend ertrunken. Ihre Körper
wurden bis an die dänische Küste geschwemmt. Die Besatzung der
Fähre bemerkte den Zusammenstoß, warf ein paar Rettungsmittel
über Bord und setzte unbeirrt ihren Kurs fort, nicht ohne zu versäumen,
noch einen Funkspruch in den Äther zu entlassen: „Kleines Holzboot
gerammt. “ Mehr ließ der straffe Fahrplan der Fähre nicht zu.
Ein 1969 am Marinestandort Dranske zu Ehren der während des Gefechtseinsatzes
gestorbenen Volksmarinesoldaten errichtetes Denkmal zeugt vom sinnlosen
Tod sechs junger Menschen.
Oberleutnant Ziesel, der im estnischen
Tallinn aus falsch verstandener Sentimentalität heraus die Sendungen
der Deutsche Welle allabendlich in die Wohndecks der Mannschaften übertragen
ließ, wurde nach einem militärischen Disziplinarverfahren auch
mit einer Parteistrafe bedacht und sodann als Bordoffizier nicht mehr tragbar
zum rückwärtigen Dienst versetzt. Über seinen weiteren Lebensweg
ist nichts bekannt.
Funkmechaniker Hellmann durchlebte eine
wundersame, für die Politorgane der Flottille völlig unverständliche,
ja geradezu entsetzliche ideologische Wandlung. Im aufkeimenden Frühling
des Jahres 1969, die Verhältnisse der erhöhten und zeitweilig
vollen Gefechtsbereitschaft des vergangenen Herbstes hatten dem normalen
Dienstbetrieb wieder Platz gemacht, geriet er während eines dienstlichen
Landganges nach Altenkirchen im Uhrengeschäft mit der dort beschäftigten
Andrea Timm in Streit. Hellmann hatte Wochen vorher in diesem Geschäft
schon seine Armbanduhr zum Zwecke des Wechselns ihres beschädigten
Glases hinterlegt, war jedoch jedesmal, so er dort erschien, um die Uhr
im gebrauchsfertig reparierten Zustand abzuholen, auf die nächstfolgende
Woche vertröstet worden: so viel zu tun jetzt, so viel zu tun! Am
besagten Tag nun kramte Andrea Timm auf Hellmanns höchstärgerliche
Anfrage eine kleine Schachtel hervor mit der Bemerkung: „Na ja, da war
wohl wirklich nicht mehr viel zu machen, nöch. “ In der Schachtel befand
sich Hellmanns einstige Armbanduhr, nunmehr zerlegt in all ihre Einzelteile.
Hellmann rastete aus. Nicht zu fassen mit diesem lausigen Fischernest!
Letzte Woche erst war er hier beim Zahnarzt vorstellig gewesen, der hatte
vereiterte Wurzeln am schmerzenden Backenzahn diagnostiziert und dessen
umgehende Amputation für unumgänglich befunden. Nur befand sich
leider kein Narkotikum mehr in der Praxis, so dass der bodenständige,
im letzten Weltkrieg an zahlreichen Fronten hinreichend erprobte Medikus
in Ermangelung dessen seiner Ehefrau und Gehilfin ein Zeichen zum festeren
Zupacken des verkrampft auf dem Zahnarztstuhl klemmenden Hellmann gab,
den kranken Zahn mit der Zange straff fasste und mit der Bemerkung „Jo,
jo, min Jung, wir wern jo oll mol bi de Militär!“ rabiat aus
dem Kiefer riss. Dem überraschten und in seiner Lage völlig wehrlosen
Hellmann schoben sich in wahnsinnigen Schmerz gebettete dunkle Wolken vors
Gesicht, statt eines Schreis entrann sich nur ein dumpfes Röcheln
seiner Kehle. Als ihm die Sinne wiederkehrten, half ihm die Ehefrau-Gehilfin
des Zahnarztes aus dem Behandlungsstuhl und stand dem leicht Schwankenden
auch noch ein Weilchen stabilisierend zur Seite. Der Landarzt selbst entließ
Hellmann aus der Behandlung mit ausgesprochen kargen tröstend-ermunternden
Worten, nicht ohne ihm jedoch vorher noch einen reichlich doppelten Steinhäger
„zur Desinfektion und Stärkung“ verabreicht zu haben. Das also geschah
fast an gleicher Stelle vor einer Woche, nun das Drama mit der Armbanduhr!
Andrea Timm floh ob der Drohgebärden des tobenden Seemannes vom Ladentisch
in die schützende Werkstatt zu ihrem Herrn, Meister und Geschäftsinhaber.
Der erschien und versprach Abhilfe. Hellmann würde einen adäquaten
Ersatz erhalten, es wäre dem Genossen von der Volksmarine doch nicht
zuzumuten, eventuell die Zeit zu verschlafen. Andrea Timm, neunzehnjährige
Tochter des Vorsitzenden der Fischereigenossenschaft, steckte ihren blond-bezopften
Kopf wieder vorsichtig durch die Tür zur Werkstatt, Hellmann schien
fürs erste besänftigt. Der anfängliche Hader zwischen den
beiden mutierte zur tiefen Liebe, sie hingen fürdhin aneinander wie
Pech und Schwefel, galten alsbald als verlobt und hatten miteinander nur
ein einziges Problem: Maat Hellmann, seit drei Jahren aktiver Parteigenosse,
Inhaber mehrerer Funktionen in SED und FDJ, stieß auf den sanften,
aber nichtsdestoweniger unnachgiebigen evangelischen Glauben seiner Andrea.
Während sie des Sonntags Vormittag in einer schmalen Bankreihe der
Dorfkirche andächtig den Worten des Pfarrers lauschte, spazierte er
am Ufer des Boddens daher und legte sich die Worte für seinen Diskussionsbeitrag
zur nächsten FDJ-Agitatoren-Versammlung zurecht. So lebten die beiden
weltanschaulich nebeneinander wie Romeo und Julia und konnten und wollten
allein in dieser Angelegenheit zueinander nicht finden. Der zutiefst antagonistische
Widerspruch löste sich durch Schicksalsfügung. Ein halbes Jahr
vor Hellmanns Entlassung aus dem aktiven Wehrdienst ereilte ihn ein schlimmes
Nervenleiden, dies verbunden mit üblen, nicht heilen wollenden Hautausschlägen.
Die Kunst der behandelnden Ärzte fruchtete nichts, auch nicht die
der Hautärzte, die ihn für ein Quartal in diversen Lazaretten
der NVA verwalteten. Dort nahm Hellmann ob des reichlichen und guten Essens
zwar über zehn Kilo an Körpergewicht zu, an seinen Hautekzemen
aber änderte sich nichts, obgleich man alle möglichen und unmöglichen
Salben und Tinkturen an ihm ausprobierte. So kehrte er wohlgenährt,
aber nach wie vor am ganzen Körper mit eiternden und grindigen Pickeln
übersät aus dem Lazarett zurück. Glauben solle er, so hatte
es ihn die Ärzte zum Abschied vermittelt, glauben, das hätte
in solchen Fällen schon geholfen, die Psyche des Menschen könne
oft mehr bewirken als die Kunst der Mediziner und nachweislich Berge versetzen.
Mit der Kunst der Mediziner war es bisher nicht weit her gewesen in Sachen
Hellmann, in Sachen dessen Glaubens noch weniger. Glauben wie? Glauben
woran? Andrea Timm aber erwies sich in Glaubensfragen als sachkundige,
geduldige und erfolgreiche Lehrerin. Mit zunehmenden christlichen Glaubensanteilen
entschwanden Hellmanns plagende Pickel. Als seine Haut vollständig
gesundete und die normale Beschaffenheit auch nachhaltig beibehielt, legte
Hellmann all seine Funktionen in Partei und FDJ nieder, trat auch aus den
zugeordneten Organisationen aus und der evangelischen Kirche bei. Fortan
saß der infolge des Fehlschlags wissenschaftlicher Heilmethoden in
seinen Glaubensangelegenheiten Konvertierte an den sonntäglichen Vormittagen
Seite an Seite mit Gattin Andrea, geborener Timm, in der Bankreihe der
dunklen, muffigen, kleinen Dorfkirche und lauschte hingebungsvoll und andächtig
den salbungsvollen Worten des Pfarrers. Hellmann studierte nach Ablauf
seiner Dienstzeit Theologie an der Martin-Luther-Universität in Halle,
er gehörte in den Wendezeiten zu den Aktivisten des Neuen Forums seines
Wohnkreises.
Maat Schneider, der dem Politoffizier
Anders sturzbetrunken im Anschluss an den Vollmerschen Umtrunk mit nacktem
Oberkörper in die Arme taumelte, probte mit dem Rudergänger während
eines der routinemäßigen Waffenreinigungen, wer nach Art einschlägiger
Wild-West-Filme der schneller ziehende und ladende Schütze sei: er
mit der MPi oder der Rudergänger mit der Pistole. Auf Kommando der
den Wettstreit bewertenden Jury, bestehend aus Signalgast und Maschinenmaat,
entsicherten beide die Waffen, luden durch und drückten ab. Was keiner
der Beteiligten ahnte, in der Pistole des Funkmechanikers befand sich entgegen
jedweder Dienstvorschrift noch ein mit Neunmillimeterpatronen bestücktes
Magazin. Der Schuss durchschlug Schneiders Leber von vorn und trieb auf
seinem Rücken an der klaffenden Austrittsöffnung unterhalb der
Rippenbögen neben Leberfetzen auch jede Menge Lunge aus dem Körper.
Wie durch ein Wunder überstand Schneider mehrere darauffolgende Operationen,
zuletzt hörte Holstein davon, dass er wiederum in das Armeelazarett
in Bad Saarow eingeliefert worden sei.
Politoffizier Anders schaffte es noch,
in der Politabteilung der Flottille die Dienstgradleiter bis zum Fregattenkapitän
zu erklimmen. Kurz vor seiner Versetzung zur Politabteilung des Kommandos
der Volksmarine ereilte ihn die Wende. Er pachtete vor Arkona einen Kiosk
und verkauft dort Ansichtskarten und Zeitschriften.
Korvettenkapitän Krahnewinkel schied
nach 25 Jahren Dienstzeit aus der Volksmarine aus, arbeitete noch bis zur
Wende in einem stralsunder Projektierungsbetrieb und lebt heute als verwitweter
Rentner in einem kleinen Häuschen bei Bergen auf Rügen.
Obermaat Vogler, der Maschinenmaat, holte
nach seiner Versetzung in die Reserve in Abendkursen der Volkshochschule
das Abitur nach, studierte dann Automatisierungstechnik, arbeitete danach
als Konstrukteur im magdeburger Dieselmotorenwerk und übersiedelte
nach endlosen Prozeduren und erheblichen Schikanen der Behörden im
Sommer 1987 in die Bundesrepublik Deutschland. Man erzählt sich, er
sei noch immer unverheiratet und gleichermaßen ungepflegt wie damals.
Obermaat Lehnert verpflichtete sich wenige
Tage nach Holstein ebenfalls zu einer Gesamtdienstzeit von zehn Jahren.
Er blieb allerdings an Bord des Bootes, fuhr weiter als Leiter der Raketenleitzentrale.
Nach der Entlassung aus der NVA wechselte er allen Warnungen und Empfehlungen
Holsteins zum Trotz hauptamtlich in den Dienst des MfS. Dort absolvierte
er ein Fernstudium mit dem Abschluss eines Juristen und führte zuletzt
in einer Kreisdienststelle des Bezirkes Magdeburg über zweihundert
inoffizielle Mitarbeiter. Zermürbende, täglich mehr als zehnstündige
Arbeitstage, Sonnabende und Sonntage darin eingeschlossen, rieben ihn zusehends
auf. Die frustrierende Erfolglosigkeit seines Tuns trug gleichermaßen
zu seinem körperlichen Verfall bei. Gesundheitlich schwer angeschlagen
verschanzte er sich befehlsgemäß im November 1989 zur Abwehr
von Angriffen auf seine Dienststelle mit fünf weiteren Genossen in
den Diensträumen des Gebäudes. Sie warfen die Handfeuerwaffen,
jede Menge Munition und die Handgranaten jedoch in eine Ecke und betranken
sich bis zur Besinnungslosigkeit. Lehnert versuchte sich nach der Auflösung
des MfS in mehreren Berufen und Tätigkeiten, fasste aber keinen Tritt.
Noch vor der ersten freien Volkskammerwahl in der DDR stellte seine Frau
den Scheidungsantrag. Lehnert schoss sich mit einer für wenig Geld
bei einem Trödler in der Nähe des Brandenburger Tores in Berlin
erstandenen Pistole des Typs „Makarow“ in den Abendstunden des zweiten
Oktober 1990 in die Stirn, wenige Minuten vor dem Erlöschen der DDR.
Die zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilten
Deserteure, die 1968 die Flucht mit einem Raketenboot nach Lübeck
planten, fielen 1972 unter die im Zuge des Grundlagenvertrages mit der
BRD ausgehandelte Amnestie für politisch Inhaftierte und wurden in
den Westen Deutschlands abgeschoben.
Der Volksmarine-Standort Dranske versank
nach der Wende zur absoluten Bedeutungslosigkeit. Bis auf wenige Ausnahmen,
wurden alle dort liegenden Kampfschiffe verschrottet oder verkauft, die
darauf und in den Stäben und rückwärtigen Einrichtungen
dienenden Armeeangehörigen in die Arbeitslosigkeit entlassen, der
Militär-Standort letztlich ganz geschlossen. Der Ort Dranske zählte
alsbald zu den Gemeinden in Deutschland mit allerhöchster Beschäftigungslosigkeit,
betroffen davon nicht nur die Militärangehörigen der ehemaligen
6. Flottille sondern auch die zahlreichen ehemaligen Zivilangestellten,
die Fischer der Fischerei-Produktionsgenossenschaft und jede Menge Beschäftigte
anderer Einrichtungen. Die eigens für die Berufssoldaten errichteten
Neubauten verfielen und verwahrlosten mit fortschreitendem Leerstand zusehends,
nunmehr wird über ihren teilweisen Abriss nachgedacht. Die ungenutzten
militärischen Anlagen und Einrichtungen des Hafens sollen, so es nach
den Plänen interessierter Investoren geht, einer Marina für ausreichend
betuchte Segler weichen. Damit gehört die militärische Nutzung
des Standorts Dranske auf Rügen nach nahezu einhundert Jahren endgültig
der Vergangenheit an.
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